Montag, 9. März 2015

Einsamer Spiggengrund

"Die Fälle im Spiggengrund sind das Non-Plus-Ultras des alpinen Eiskletterns. Wer sie durchstiegen hat ist ein Erzbergsteiger [...]". Urs Odermatt wirft mit Superlativen um sich, wenn es um die Beschreibung der Eisfälle im Spiggengrund geht. (Spiggen-)grund genug, das wir uns diese Sache mal genauer unter die Lupe respektive unter die Geräte nehmen. Der Spiggengrund zeichnet sich neben der Länge der Fälle vor allem auch wegen der Länge des Zustiegs aus. Darum kam mir auch die Idee, dieses Projekt mal auf die 'harte Tour' anzugehen, das heisst, mit einem Biwak zuhinterst im Spiggengrund. Dies hat zwar den Vorteil, dass der Zustieg am Tag selber minimiert wird, dafür schleppt man auch mehr Gepäck. Wenn man zudem wie wir auch am ersten Tag bereits einen Fall klettert, dann steigt man potentiell durchfroren und durchnässt in seinen Schlafsack. Deshalb braucht es natürlich einen Partner mit entsprechender Motivation, der mit Thomas auch gleich gefunden war. 
Am Samstag gemütliche Anfahrt mit dem Posti ins Kiental. Hier buckeln wir unsere grossen Säcke und die Ultraleichtgewichts-Skis, und laufen in den Spiggengrund. Es zieht sich tatsächlich, wobei immerhin die Fälle schon bald auftauchen und so die Vorfreude verstärken. 
Wir erreichen nach etwa zweieinhalb Stunden die Alp zuhinterst im Spiggengrund, ideal im Kessel unter den Fällen gelegen. Obschon wir das Zelt dabeihaben, haben wir schon im Voraus spekuliert dass einer der Ställe offen sein könnte. Dem ist auch tatsächlich so, und so können wir unser Gepäck im ausserordentlich sauberen Stall gut deponieren. 
Um den Aufwand dieses Unternehmens zu rechtfertigen, drängt es sich natürlich auf, bereits heute einen ersten Fall zu klettern. Die Wahl fällt auf den "Spiggeni Tal", ein imposanter Fall mit einer markanten, riesigen und dicken Säule im mittleren Teil. Der Zustieg von der Hütte aus ist in guten 20 Minuten bewerkstelligt. 
Eine erste SL (Wi4-) führt über kompaktes, stellenweise leicht mürbes Eis auf das erste Band. Hier cruist Thomas in der zweiten Länge (Wi3-) der Riesensäule entgegen:
Die Säule selber besteht aus zwei Teilen: Zuerst über einen leichten, blumenkohligen Vorbau von rechts her an die eigentliche Säule, dann in steiler Kletterei direkt hoch. Von der Schwierigkeit her würde ich etwa Wi5 veranschlagen, Wi5+ wäre sicher zu hoch gegriffen angesichts der Tatsache, dass das Teil ultra-dick und gut strukturiert ist. Aber klar, es sind doch etwa 15 Meter 90°.
Nach dieser Hammerlänge legt sich der Fall wieder zurück. Es folgt eine hübsche Genusskletterei in leider ziemlich mürbem Eis (Wi3) auf das zweite Schneeband. Fast ungetrübten Genuss bietet die nächste Länge, die mittlerweile in der warmen Abendsonne steht und angenehm weich geworden ist: So um die 80° und etwa 60 Meter lang (etwa Wi4), ein schöner Tagesabschluss. Es würde jetzt zwar noch eine kurze Länge folgen, da aber die Sonne gerade hinter den Bergen verschwindet, entschliessen wir abzuseilen.

Facts: Spiggengrund, "Spiggeni Tal", Wi5, 6 SL

Sehr schöne Eistour, die zu Unrecht im Schatten seines grossen Nachbarn steht. Ende Winter ist die Säule wohl oft so fett gewachsen dass die Schwierigkeiten (und die objektiven Risiken) stark reduziert sind. Anfangs März bekommt der obere Teil des Falles schon recht viel Sonne, die Säule selber hingegen ist noch ganztags im Schatten.

Im letzten Tageslicht erreichen wir den Stall, und installieren unser Biwak. Bald brummt der Kocher und nach einer warmen Suppe vermisst man die Sauna schon fast nicht mehr. 
Auch die Nacht wird gar nicht so kalt wie befürchtet, im Stall drin sinkt die Temperatur kaum unter -2°. Jedenfalls erwachen wir am nächsten Morgen gut erholt um halb sechs. Ziel ist, bereits um die 7 Uhr am Einstieg des Grossen Spiggenfalls zu stehen. Schliesslich ist die Paradetour im Gebiet mit 12 SL schon ein respekteinflössendes Unternehmen. 
Schlussendlich ist es allerdings schon fast halb acht als wir am Einstieg stehen. Der Zustieg ist nämlich deutlich länger als er ausschaut, man muss doch inklusive Spurarbeit gegen 40 Minuten rechnen. Immerhin, der berüchtigte Kandersteg-Stress, wieviele Seilschaften schon Schlange stehen, fällt heute weg. Wunderbar!
Thomas steigt in die erste Länge ein, die bei etwa Wi3 eincheckt und mit grundsätzlich gutmütiger, aber wegen dem schlechten, mürben und überschneiten Eis doch nicht ganz ohne ist. Deutlich besser zur Hand geht die zweite Länge, ein wahres Kompakteis-Fest, auf rund 15 Meter um die 80° steil. Die dritte Länge beginnt zuerst moderat, steilt sich dann aber auf zu einer etwa 10 Meter hohen, breiten Kerze. Ich gehe sie von rechts her an, was dann eine luftige Traverse im senkrechten Gelände nach links, gefolgt von fünf senkrechten Metern erfordert. Im Normalfall nichts das mich gross aus der Ruhe bringt, aber irgendwie tue ich mich etwas schwer - vielleicht liegts am Seilzug, oder am ebenfalls etwas mürben Eis. Schon hier saugt die Tiefe - cool!
Weiter geht es über einige leichte Stufen (50°) und ein Schneefeld an den Fuss der nächsten Prüfung in Form einer etwa 15 Meter hohen, durchgehend senkrechten Eiswand. 

Diese Seillänge ist dann purer Genuss, selten habe ich besseres Eis geklettert, mit vielen natürlichen Hooks und perfektem, weichem Eis. Schlussendlich wird es etwa Wi5- sein, aber wirklich, wirklich schön! 
Eine weitere, mit etwa Wi2 deutlich einfachere Länge führt an den Fuss des 'Kernstücks' des Falls, der eindrücklichen Abfolge von riesigen Säulen und Eisbalkonen. Thomas klettert eine interessante Länge (Wi4) aus Blumenkohlen bis an den linken Fuss der Kaskade, überschneiter Schnee gibt die nötige Würze. Jetzt beginnt das grosse Kino: Hinter der linken Giga-Säule durch gelangt man ins riesige Eis-Fenster zwischen den beiden Säulen.
Hier könnte man weiter hinter der zweiten Säule hindurchkriechen, um so auf ein schmales Band zu gelangen. Allerdings war ich a) nicht sicher ob der Durchschlupf wirklich genug gross wäre und b) diese Variante wirklich einfacher ist als der direkte Aufstieg durch das Eisfenster. So entscheide ich mich für die zweitgenannte Variante: Am linken Rand des Eisfensters in genialer, steiler Kletterei direkt hoch! Die Ausgesetztheit ist atemberaubend, die Schwierigkeiten dank extrem gut gewachsenem Eis überschaubar: Zuerst etwa 5 Meter 90°, danach nochmals 15 Meter um die 85°, summa summarum etwa Wi5. 
Nach dieser Aufregung ist die Tour eigentlich schon fast gegessen. Allerdings wäre es natürlich sehr schade an dieser Stelle bereits umzudrehen. Es folgt eine moderat steile Stufe, die sich in zwei genussreichen SL (Wi2, Wi3) klettert. Etwas wehmütig schaue ich hoch zum wilden Direktausstieg. Die untere der beiden Säulen würde ich mir noch zutrauen, die sieht sogar richtig geil aus. Die obere hingegen ist definitiv nur für Lebensmüde. Zu beachten ist übrigens noch, dass die obere Säule während etwa zwei Stunden am Nachmittag Sonne abkriegt. Deshalb ist es wohl nur eine Frage von Tagen, bis dieses unendlich fragile Teil kollabiert - dies gilt zu beachten, wenn man im späteren März hier klettert!
Rechts wartet eine natürlich viel einfachere, aber noch einmal richtig interessante Abschlusslänge auf uns: Eine kurze, senkrechte Stufe, etwa 6 Meter 90° (Wi4+), bläst die Arme nochmals auf, bevor wir uns in der warmen Nachmittagssonne die Hände schütteln. Eine hammer Tour liegt hinter uns! Für die 12 Seillängen haben wir doch gute sechseinhalb Stunden gebraucht. Das Abseilen gestaltet sich dank vorhandenen Eissanduhren effizient, um vier Uhr Nachmittags stehen wir zurück am Einstieg, und pünktlich aufs letzte Postauto sind wir um sechs Uhr zurück im Kiental. 

Facts:
Spiggengrund, "Grosser Spiggengrundfall", Wi5, 12 SL

Eine der längsten Eisfälle der Schweiz! Schöne, abwechslungsreiche Kletterei, allerdings nicht sehr homogen. Natürlich nicht zu vergleichem mit Toptouren wie dem Crack Baby, aber dennoch eine uneingeschränkt empfehlenswerte Tour, insbesondere wenn man Einsamkeit und alpines Ambiente schätzt. Hier nochmals ein Bild der Touren, rechts der Grosse Spiggengrundfall, links der "Spiggeni Tal" mit der dicken Säule. Die mittige "Spigg mi furt vo hie" steht leider nicht.
Übrigens, in diesem Kessel gäbe es wohl genug Fälle für eine ganze Woche zu klettern, die meisten sind nicht dokumentiert und vielleicht auch noch gar nie begangen worden. Allerdings stehen einige davon ziemlich in der Sonne, und wer im Januar hier klettern will braucht definitiv ein warmes Winterfell!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen