Sonntag, 12. Februar 2017

Ein Fall für Zwei im Zanai

Das Zanai ist eines meiner absoluten Lieblingsgebiete zum Eisklettern. Eine abgelegene Lage und lange, mühsame Zustiege sind Garanten für Einsamkeit. Zudem ist die Landschaft herrlich alpin, und nicht zuletzt bietet eine breite Palette an Eisfällen in allen Schwierigkeitsgraden reichlich Action.
Nachdem ich bei meinen letzten beiden Besuchen jeweils die 'Azzurro' geklettert bin, soll es heute ein Fall im oberen Sektor geben. Hier verspricht 'ein Fall für Zwei' ein lohnendes Ziel. Bereits im Zustieg respektive 'Zufahrt' zeigt sich der Fall in seiner ganzen Pracht:
Wir entschliessen uns, anders als im Führer angegeben nicht den linken Einstieg zu wählen, sondern im grossen Fels-Amphitheater rechts einzusteigen. Dies verlängert die Kletterei nochmals um eine Seillänge, und verspricht so eine direkte, lohnende Linie.

Der Zustieg ist natürlich dem rauhen Gelände entsprechend ein 'Gvogel': Im engen Bachgraben geht es teils mit Skis, teils zu Fuss hoch, dabei wird ein kleiner Eisfall linkerhand umgangen. Nach etwas über einer Stunde vom Talgrund Gerensässli aus stehen wir am Einstieg. Unsere Linie (ob es eine Erstbegehung ist oder nicht ist eigentlich völlig egal, kann man hier eh nicht feststellen) zieht sich über die dünne Kerze und das kompakte Eisschild bis zu den markanten Eisbalkonen rechts, dann über die soliden Säulen direkt zum höchsten Punkt der Wand.
Die erste Seillänge, in diesem Jahr wohl eher schlechter als normal gewachsen, ist eine dünne, fragile Kerze, etwa 12 Meter lang und um die 85°, die sich aber +- gut absichern lässt. Oben dann folgen noch 25 leichtere Meter.
Für mich, der in diesem Jahr noch nicht sehr viele Eismeter gesammelt hat, ein ziemlicher Kaltstart! Sophie steigt die zweite Länge vor, insgesamt rund 40m, auf 10m um die 80°. Hoch über ihr der imposante Direktausstieg, über den wir den Fall klettern. Rechts oben ebenfalls sichtbar die Zapfenreihe des Tatorts, der dieses Jahr schlecht gewachsen ist. Übrigens sollte man auf keinen Fall rechts einsteigen, denn im Laufe des Tages sind mehrere Zapfen vom Tatort abgebrochen und auf den rechten Einstieg geprallt!
Es folgt nochmals eine Seillänge im kompakten Eisschild, insgesamt 35m, auf 20m um die 80° steil, teilweise etwas mühsames, schneedurchsetztes Eis. Wir machen Stand in der grossen, gut sichtbaren Höhle, wo es auch ein alter Schlaghaken-Stand des Tatorts befindet. 
Die beiden letzten Seillängen über die grossen Säulen und Balkone bieten dann das ganz grosse Eiskletter-Kino. Es beginnt mit der fett gewachsenen Säule, die sich dank kompaktem Eis, fetten, natürlichen Hooks und riesigen Tritten aber wie eine Leiter klettern lässt (20m, um die 85° auf 15m).
Wir befinden uns jetzt in der oberen Höhle, rund 20m unter dem Ausstieg. Von hier bietet sich ein guter Blick in die Felstraverse des 'Tatorts', die sieht schon ultra-gruselig aus - es ist nicht etwa ein bequemes Band, sondern eine leicht überhängende Traverse in Fels, der diesen Namen kaum verdient. Riesen-Respekt vor den Erstbegehern Stefan Indra und Christoph Klein!

Von hier bieten sich für uns drei Wege an: Entweder links aussteigen, was wohl am leichtesten wäre, über die senkrechte bis leicht überhängende Säule rechts (als Familienvater keine Option für mich), oder gerade hoch: das ist der Weg für uns! Ich quere zuerst drei Meter nach links, um dann eine rechts ansteigende, zwar nicht sonderlich schwierige aber enorm luftige Traverse zu machen. Ganz zuoberst versperrt ein riesiger Zapfen den Weg zum Ausstieg, aber mit etwas Häkelen kann ich das Loch soweit erweitern, so dass ich mich durchzwängen kann. Die letzten zwei Meter sind senkrecht, mit gigantisch viel Luft unter dem Arsch. 
Am Ausstieg hat es eine Tanne, die sich als Abseilstand anbietet. Von hier kommt man in zwei gestreckten Abseillängen 60m gerade just bis an den Einstieg. Eine gelungene Tour, für mich definitiv das Eiskletter-Highlight des Winters!


Facts:
Zanai, "Ein Fall für Zwei (Direktvariante)", mehrere Meter 90°, 120m

Sehr lohnender Eisfall mit spektakulärem Ausstieg über Säulen und Balkone. Grossartiges Ambiente im riesigen Fels-Amphitheater. Zählt wohl zurecht zu den Top 50 (s. Hot Ice).

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