Montag, 1. Juni 2015

Berner Eis

Nach zwei sehr erfolgreichen Ausflügen ins nahe Ausland ist es an der Zeit, wieder mal eine Tour in heimischen Gefilden zu unternehmen. Die Gletscherhorn N-Wand stand nie auf meiner Wunschliste. Deshalb brauchte es ein bisschen Überredungskünste von Peter, mich für diese Tour zu motivieren. Allerdings, es ist auch noch cool, mal nicht mit hundert anderen Bergsteigern in Bergbahnen zu stecken, sondern sich die Höhenmeter fernab jeglichen Rummels hart zu verdienen. 
Ich hatte ausser dem Rotbrättgrat an der Jungfrau zusammen mit Thömel (eine Tour, die mir wegen des extrem brüchigen Felsens noch heute Alpträume verursacht) noch keine Tour in dieser ganzen Bergkette gemacht, auch wenn die riesigen Firnwände bei gutem Wetter von der Hauptstadt aus zu bewundern sind. Und da das Internet kürzlich von guten Bedingungen am Gletscherhorn zu berichten wusste, starten wir beide motiviert in diese Unternehmung. 
Die moralische Schlüsselstelle gleich zu Beginn - nämlich bei schwülwarmem Wetter, schwerbepackt mit Skis, Kocher und Essen - den harten 1800hm-Aufstieg in die Rottalhütte zu starten. Die Skis deshalb, weil ich mich durchgesetzt habe, dass wir nicht ins Touristenghetto Jungfraujoch absteigen, sondern die Tour wirklich by fair means, von Tal zu Tal machen - schliesslich lockt eine 2000hm Abfahrt ins Lötschental!
Bis auf etwa 2000 Meter hat es keinen Schnee, danach folgt eine etwas ätzende 'Übergangszone', nach der Felsstufe dann sind wir endgültig zurück im Winter. Hier kurz vor der Hütte, in einer grossartigen, hochalpinen Szenerie, eingerahmt von den wilden Jungfrau-Seracs.
Wenig später erreichen wir die Hütte, wo wir - zu unserem Erstaunen - zwei Alpnacher mit dem selben Tourenziel antreffen. Wirklich ein riesen Zufall, auf dieser Tour nicht alleine unterwegs zu sein, da es doch laut Hüttenbuch jährlich nur eine bis zwei Begehungen dieser Wand gibt. Der Abend vergeht dann zügig, und bald verziehen sich auch die Nebelschwaden um die Wände.
Kurz vor dem Einschlafen geht dann der Mond auf - er wird uns vier Stunden später den nächtlichen Zustieg dankbar beleuchten.
Um drei Uhr morgens starten wir unser Abenteuer. Den beiden Alpnachern, die einen Fussabstieg ins Jungfraujoch vor sich haben, haben wir eine Stunde Vorsprung gegeben. Mit den Skis kann man den Zustieg in einer knappen Stunde bewerkstelligen, indem man zuerst eine rassige Schussabfahrt auf den Gletscher macht und so einen knappen Kilometer in wenigen Minuten macht. Der Bergschrund lässt sich über eine gute Brücke problemlos passieren, und bald steigen wir parallel, noch ohne Seil, über einen mässig steilen (50°) Firnhang auf. So erreichen wir im ersten Tageslicht die erste Schlüsselstelle, einen etwa 20 Meter hohen und rund 75° steilen Aufschwung. Und hier hat es tatsächlich Styroporschnee, der sich tiptop klettern lässt. Die Sicherungsmöglichkeiten sind allerdings beschränkt, immerhin lässt sich zuunterst einen ok guten Stand an Schrauben einrichten. Peter steigt souverän vor, bald folge ich nach, etwas lästig einzig der Spindrift. Jetzt wird das Gelände wieder deutlich weniger steil.
Hier steigen wir parallel am 50 Meter Seil, zwischen uns jeweils eine bis zwei Schrauben, mit T-Blocs versichert. Diesen Begehungsstil werden wir bis am Schluss beibehalten, es ist dies ein guter Kompromiss zwischen Sicherheit und Effizienz. Für die Zwischensicherungen hat es immer wieder eisige Flecken, die auch den Einsatz längerer Schrauben erlauben. 
Als Weiterweg wählen wir den Gully im Bild oben gleich rechts der Felsbastion. Dies erspart einem die lange Rechtstraverse, allerdings ist das Gelände hier mit etwa 70° wieder deutlich steiler und eisiger. Nach dem Gully folgt eine kurze Traverse nach links auf einen Schneegrat, dem man für etwa 40 Meter folgt. Hier sieht man die beiden nervenstarken Innerschweizer, welche ohne Seil im doch teilweise anspruchsvollen Eis unterwegs sind.
Nun traversieren wir zurück nach rechts in die gut sichtbare Rinne, welche rechts vom Serac hochführt. Übrigens ist die Traverse nicht so exponiert wie es auf dem Foto scheint!
Weiter geht es in gerader Linie hoch, sich immer auf der rechten Seite des Seracs haltend. Guter Trittfirn erlaubt kraftsparendes Hochsteigen, gesichert wird im Eis an einer gäbigen Eisrinne linkerhand. Bald erreichen wir den Serac, den wir in etwa 20 Metern Blankeis 60° problemlos umgehen können.
Eine kurze Znünipause auf dem Hängegletscherchen, dann folgt der Abschluss und Höhepunkt der Tour. Wir erspähen nämlich eine eisige Rinne, die durch die Gipfelfelswand rechts des Hauptgipfels hochzieht. Die Alternative, nämlich links auf den NE-Grat auszusteigen, scheint uns zu diesem Zeitpunkt die schlechtere Alternative: Hier die Innerschweizer im eben dieser Variante:
Und tatsächlich, es folgt eine super Seillänge im Bereich M4, mit guten Sicherungsmöglichkeiten im Eis und ein paar fragilen Hooks im berüchtigten Bernerbruch. Hier Peter im Nachstieg, vor grosser Kulisse!
Vom Stand gleich unter dem Grat steigt Peter über die Gratwächte, und so erreichen wir etwa 15 Minuten später problemlos den Gipfel des Gletscherhorns, sechs Stunden nachdem wir den Schrund überquert haben.
Kein Prestigegipfel, kein Staustehen - das Gletscherhorn als einer der höchsten Nicht-Viertausender ist ein ganz selten besuchtes Ziel. Eigentlich zu Unrecht, denn der Abstieg über den Westgrat ist kurzweilig und richtig schön, ein scharfer Firngrat, garniert von kleinen Gendarmen.
Bald gelangen wir zu einer gut sichtbaren Abseilstelle, von wo wir mit 1x25m abseilen den etwas weniger steilen SW-Hang erreichen. Wir schnallen die Skis an mit dem Ziel, das Gletscherjoch fahrend zu erreichen. Und dann passiert es - bei einem Sturz nach dem Sprung über den Bergschrund öffnet sich die Bindung meines Leichtskis, und dieser verabschiedet sich. So ein Seich! Zum Glück bleibt er etwa 100hm tiefer im Schnee stecken, und so erreichen wir mit etwas Verspätung das Gletscherjoch. Von hier steigen wir in etwa dreiviertel Stunden über den recht steilen Osthang auf die Äbni Flue. Diese Variante hat den Vorteil, dass man einerseits einen Gipfel mehr sammeln kann, und andererseits können wir jetzt ohne Gegensteigung die 2000hm-Abfahrt zur Fafleralp starten! Ich mache es kurz: Bis auf etwa 3400m scheisse, dann bis auf etwa 2700m genial (sogar mit den Leichtskis), dann bis zum Schnee-Ende auf etwa 1900m mässig. Und ja, nach soviel Eis und Schnee ist der Coupe in Blatten natürlich fast schon Pflicht!

Facts:
Gletscherhorn, Nordwand (Welzenbach), SS-, 75°, M4 (1000hm)

Material: Übliches Eismaterial, 8 Schrauben (13-19cm), für den Direktausstieg reduziertes Set Cams, Keile und Zackenschlingen.

Grosse Eistour auf einen unbekannten, hohen Gipfel. Am besten zu vergleichen mit der Schweizerführe an den Courtes, wobei jene im Eis noch etwas steiler ist und einen komplizierteren Abstieg hat. Die Welzenbach hingegen ist länger und irgendwie auch ernster, dies auch weil man mit grosser Wahrscheinlichkeit alleine ist. Die objektiven Gefahren sind stark vom Serac abhängig, ganz ungefährlich ist die Tour definitiv nicht. Eine lohnende und sichere Alternative wären die Gullies rechts von der Welzenbach, wobei denen halt etwas die Eleganz des Direktaufstieges fehlen. 
Meiner Einschätzung nach hat die Wand wohl relativ oft gute Verhältnisse, insbesondere nach einem feuchten Herbst. Allerdings muss man halt zuerst einen schweisstreibenden 1800hm Aufstieg bewerkstelligen, um dies herauszufinden...

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