Montag, 13. Oktober 2014

Ein Klassiker zum Entdecken

... ist die "Wohlgenannt-Gedenkführe" an der Drusenfluh, die Sophie und ich an diesem Sonntag anpeilen. Zwar 'nur' ein Plan B, aber angesichts des durchzogenen Föhnwetters eine ganz passable Idee. Ähnlich wie bei der Bodin-Afanasieff fängt auch heute das Abenteuer schon auf dem Zustieg an - respektive sogar noch vorher. Denn irgendwie schaffe ich es, das Mobility-Fahrzeug auf dem zerfurchten Strässchen kurz vor dem Parkplatz auf dem Grüscher Älpli so unglücklich auf einen Stein zu setzen, dass tatsächlich der Pneu platzt (ok, ich stehe dazu, ich bin halt ein Mobility-Fahrer). Jedenfalls befürchten wir schon das vorzeitige Ende des Klettertages, aber zum Glück hatte ich das Vergnügen, schon im Frühling eines Radwechsels beiwohnen zu können, so dass wir zumindest mal den Versuch machen, das Rad selber zu wechseln. Und siehe da, mit etwas Anleitung studieren klappt es tatsächlich, und eine gute halbe Stunde später als geplant kann es jetzt doch noch losgehen!
Bald erreichen wir den Einstieg, ein gut sichtbarer Bolt erleichtert das Finden der Route. Sophie startet in die erste Länge, mit 4b ein gutmütiger Start. Wobei, schon nach wenigen Metern wird klar dass die 'angedrohte' Sanierung der Route zurückhaltend ausgefallen ist: Auf 40 Meter gerade mal zwei Bolts. 
Die zweite Länge checkt bei 6a ein. Eigentlich ein Grad, bei dem ich nicht viel studieren müsste - weit gefehlt. Zum zweiten Bolt darf schon mal ein paar Meter über den Haken geklettert werden. Aber phuh, der Aufschwung hat es wirklich in sich! Plattiges Anstehen, Schnappen von schlechten Auflegern, halt Rätikon vom Feinsten. Mir kommts eher wie 6b vor. Danach folgen noch etwa 10 leichtere Meter bis zum Stand, ohne Bolts, so dass auch noch die Cams zu Ehren kommen.
Wirklich deftig wird es dann in der dritten Länge. Nominell 5c, eigentlich ein lösbares Problem. Nur, es ist halt eine senkrechte Rissverschneidung, bis auf eine total vermoderte Schlinge, die kaum das Eigengewicht des Express hält, vollständig clean. Zum Glück frisst der Riss die grossen Nummern wirklich gäbig, insgesamt investiere ich einen 1er, 2er und 3er Cam auf dieser Länge. Im Bild oben ist Sophie am Ausstieg vom Riss.
Es folgt eine moderatere und etwas unschöne vierte Länge, abgesichert mit ein paar mittelprächtigen Normalhaken. So richtig gut ist dann wieder die fünfte Länge: Eine plattige 5b-Traverse in traumhaften, wasserzerfressenen Fels (was eher ungewöhnlich ist fürs Rätikon). Auch hier wird vorwiegend an Normalhaken abgesichert, wem dies zu windig ist, der darf auch wieder selber legen. Hier Sophie im Vorstieg:
Die sechste Länge ist eine weitere Traverse, etwas schwieriger als die vorherige. In der Schlüsselstelle gleich zu Beginn ist man wirklich froh, den Normalhaken hängen zu können. Der nachfolgende Move ist die Crux, bei einem nicht so sicheren Nachsteiger sollte man unbedingt noch einen Cam legen, obschon das Gelände danach leichter wird, ansonsten dieser einen Giga-Pendler macht. Fertig ist der Spass noch nicht, es folgt eine mühsame, aber irgendwie auch coole und vor allem sehr ausgesetzte Traverse auf einem fast überhängenden Gras-Balkon.
Anzumerken ist noch, dass ein Rückzug von diesem Stand aus äusserst mühsam wäre, weil man doch zwei Seillängen gequert ist. Also besser nix anbrennen lassen...
Es folgt mit 5c+ A0 (6c) rein nominell die Schlüssel-Länge. Ich versuche das Monster zuerst freizuklettern, aber da gibts wirklich nichts zu holen für mich! Anhaltend super-technisch, ich kann mir kaum vorstellen wie man die Züge machen könnte. Dazu kommt, dass zwar etwa alle 1.5 Meter ein Haken steckt, über die Hälfte davon sind aber so dünne Häkchen in Bohrlöcher, die wohl wirklich nur zum Techen gedacht sind, aber sicher nicht zum Stürzen.
Nach dieser Aufregung folgt eine leichtere 3er Länge, bevor es wieder zur Sache geht. Eine grosse Piaz-Schuppe, wobei hier (leider) doch ein paar Bolts stecken, obwohl man perfekt selber legen könnte. Zu sagen noch, dass auch diese Seillänge in bestem Fels wirklich super zu klettern ist. Sodann erreichen wir das Wandbuch, und siehe da: Jahrgang 1973, also immer noch von den Erstbegehern! Mittlerweile ist es etwa zu zwei Drittel gefüllt, was einiges über die 'Popularität' der Route aussagt.
Danach folgen noch drei leichtere Längen, eine coole 4b mit interessantem Stemmkamin, eine etwas leichtere, dafür kaum absicherbare 3er-Länge, und noch eine auch eher leichte 4er Länge zum Ausstieg. Nach knappen sechs Stunden stehen wir am Ausstieg, hinter uns eine der besten Klassikern, die ich schon geklettert habe!
Wobei, der Abstieg ist auch nicht ganz geschenkt, man muss zuerst ein paar Meter abklettern (II), dann nach Westen wieder aufsteigen (ebenfalls etwa II). Hier befindet sich eine Abseilstelle, und mit 50m erreicht man ein Grasband. Jetzt steigt man über deutlich einfachere Schrofen ab, und erreicht den Parkplatz nach knappen anderthalb Stunden.

Facts:
Drusenfluh, "Wohlgenannt-Gedenkführe", 6a A0 (12 SL)

Ein selten begangener Klassiker, der sehr zurückhaltend saniert wurde und jetzt eine tolle Klettertour in bestem Fels darstellt, bei der die Cams nicht nur fürs Foto an den Gurt gehängt werden dürfen! 

Material: 12 Exen, vollständiges Set Cams 0.5-3, vollständiges Set Keile.

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