Montag, 13. April 2015

Ein Traum geht in Erfüllung

"The richness of its gullys, slopes and pillars, together with its unequalled place in the annals of alpine climbing, have made the N Face of the Droites the most famous wall in the Argentière basin. An ascent of any of the routes on this face is a milestone in any mountaineer's career." [Damilano, snow ice & mixed I]

Seit ich den Argentière-Kessel das erste Mal vor sieben Jahren besucht habe, war die Droites Nordwand ein grosser Traum für mich. Zuerst ein ferner Wunschtraum, mit den Jahren und den gemachten Gullies aber immer mehr zu einem konkreten Eintrag auf der alpinen 'Ticklist'. Ich hab mir auch immer gesagt, dass, wenn ich diese Wand einmal geklettert bin, eigentlich mit Bergsteigen aufhören könnte. 

Das sich ein Lebenstraum aber nicht ohne etwas Commitment erfüllen lässt, erfahren Peter und ich bereits beim 'Beziehen' der Unterkunft: Die Hütte ist natürlich schon ausgebucht (und der Hüttenwart hat jetzt auch nicht den Anschein gemacht, als ob er unangemeldete Bergsteiger in der Hütte dulden würde). Bleibt als Alternative die Grands-Montets Bergstation. Die harten Kerle des Alpinismus schwören ja auf den spartanischen Charme des Betongebäudes. Ich hatte mich fälschlicherweise auf einen beheizten Raum eingestellt, dem ist allerdings überhaupt nicht so, man nächtigt in den zugigen und auf einer Seite offenen Betongängen, direkt neben der Seilbahn. Bei etwa -5° mag keine richtige Hüttengemütlichkeit aufkommen. Der Rettungsschlitten im Bild gibt übrigens ein recht komfortables Bett ab.
Zu erwähnen ist übrigens noch, dass es mit Beziehungen oder wenn es nur wenige Leute hat, man durchaus Chancen auf den beheizten Raum der Rettungssanität hat. Nur eben, heute abend sind es gute 20 BergsteigerInnen, da hat man keine Chancen. Am ätzendsten war dabei die Warterei in der Kälte, bis es endlich Zeit für den Schlafsack war. Die (kurze) Nacht selber war dann dank des guten Schlafsacks eigentlich kein Thema mehr.

Um viertel vor zwei frühe Tagwacht, eine halbe Stunde später bereits auf den Skis - die Schlaftrunkenheit vom Adrenalin weggeblasen. Die Abfahrt auf den Gletscher macht mit den ultraleichten Rennskis nicht wirklich Spass, ist dafür effizient. Um vier Uhr stehen wir am Einstieg. Vor uns sind bereits drei Seilschaften an der Arbeit, hinter uns scheinen noch mindestens zwei Seilschaften zu folgen. Skis aufgebunden, und auf gehts ins Abenteuer! Im Licht der Taschenlampe wirkt der Bergschrund riesig und komplex, eine Abfolge von Eiswülsten. Schlussendlich ist er aber auf einer guten Spur problemlos zu überwinden. Es folgt die berühmte 'Messner-Rinne', quasi das Eintritts-Billet in die Nordwand der Droites. Ich bin noch nie zuvor im Taschenlampenlicht eisgeklettert, muss sagen geht eigentlich recht gut - irgendwie so wie in Trance. Die Rinne ist dazu auch perfekt ausgehackt und wirklich problemlos, wie Treppensteigen. Nach etwa anderthalb Stunden erreichen wir das grosse Eisfeld. Langsam bricht der Tag an. Links erkennt man die Eislinien des Überklassikers 'Ginat', dem Ziel der anderen Seilschaften. Die Colton-Brooks ist das Gully-System rechts der Mitte durch die kompakte Felszone.
Das Eisfeld selber ist auch problemlos zu Gehen. Etwas weniger steil als die Firnwände bei uns (Obergabelhorn etc.), dazu meistens perfekter Trittfirn, stellenweise auch harter Styroporschnee. Wir gehen parallel am langen Seil, wobei wir immer mindestens einen T-bloc zwischen uns haben. Eine halbe Stunde später geht die Sonne auf und beleuchtet unsere Wand in genialem Licht - gigantisch!
So nähern wir uns der Crux der Tour, die steile Mixed-Stelle, welche den Weg in die Gullies der Colton-Brooks versperrt. Schon die Meter vor der Mixed-Stelle sind engagiert: Das weiche Eis ist zwar nach wie vor perfekt zu pickeln, aber mit knappen 10cm zu dünn für gute Sicherungen. Allerdings kommt hie und da der Fels zum Vorschein, wo sich immer mal wieder ein Risschen für einen Friend oder Keil finden lässt.
Ich beziehe Stand an einem guten Felszacken. Das Topo im Damilano schlägt hier vor, einen grossen Bogen rechts herum um die Felszone zu machen. Das scheint uns bei den aktuellen Verhältnissen aber nicht nötig, denn auch auf der linken Seite ziehen sich mehrere dünne Eisschläuche durch die Felszone. So können wir uns auch die laut Führer 'delikate' Traverse sparen. Vorsichtig startet Peter in diese Seillänge. Am schwierigsten scheint hier der Start zu sein, weil es nach wie vor zuwenig respektive zu schlechtes Eis für Sicherungen hat. Es gelingt ihm allerdings, im Fels ein paar gute Cams unterzubringen. Wenig später befindet er sich bereits an einem guten Stand im dickeren Eis oberhalb der Felsen. 
Von der Schwierigkeit her ist diese Stelle überschaubar, im Eis maximal 80°, Felskontakt mit den Geräten hat man keinen (ausser das man das Gerät teilweise unbeabsichtigt auf den Fels setzt). 
Jetzt befinden wir uns im grossen Gully am linken Rand der Felsbastion. Im zwei Seillängen (70° und 75°) erreichen wir den oberen Rand. Es folgt ein kurzer, steiler Eisschlauch (75°), der den Zugang auf das sich nach rechts ziehende Band erlaubt.
Das Band selber ist ebenfalls eine Eis- respektive Styroporschneerinne, mit 50° moderat steil. 
Am oberen Ende folgt eine kurze Traverse, die Ausgesetztheit ist atemberaubend.
Es folgt nochmals ein cooler, steiler Gully (80°), bevor sich das Gelände zurücklegt. Wir erreichen den steilen, stumpfen Firngrat, der sich bis unter die Gipfelgratfelsen hochzieht. 
Laut Führer wartet hier die letzte Schlüsselstelle der Tour. Vom Stand an einem Felszacken klettert man zuerst leicht nach rechts, dann in einer langen Traverse nach links hoch in die Felsen (s. Foto unten).
Die Kletterei ist wunderschön, und sehr abwechslungsreich, dünne Glasuren wechseln ab mit kurzen Felsaufschwüngen. Die Schwierigkeiten sind sicher nicht M5+ wie im Führer angegeben, sondern eher so in der Region M4. Beim mittleren Stand finden wir übrigens das einzige fixe Material der Route, einen alten, verklemmten Friend. Leider machen sich bei mir die kurze Nacht, die 1000hm, und die schmerzenden Füsse bemerkbar, und ich kann die Kletterei nicht wirklich geniessen. Um 14:30, also knappe zehneinhalb Stunden nachdem wir eingestiegen sind, erreichen wir den luftigen Gipfelgrat. Die Emotionen sind gross, die Anspannung fällt weg, die warmen Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, was gibt es Schöneres? Irgendwie ist es absurd, aber eigentlich klettert man eine Nordwand vor allem wegen diesem Gefühl, wenn man endlich oben ist. 
Nun ja, wir sind ja noch nicht unten. Zuerst war die Idee, wir könnten über den Grat in die Breche am Ausstieg der Ginat gelangen. Nun, dies ist angesichts der irren Felsspitzen keine Option mehr - die Kletterei mit Skischuhen würde wohl Stunden dauern. Hingegen ist die naheliegendste Option, direkt nach Süden ins Couloir, welches sich von der Breche runterzieht, abzuseilen. Es hat zwar keine eingerichtete Abseilstelle, aber genügend solide Felszacken. Und so erreichen wir mit dreimaligem Abseilen problemlos das Couloir, und nach weiteren etwa 10 Abseilern können wir das Seil gegen die Skis tauschen. 
Jetzt wissen wir auch, wofür wir die Skis einen Tag lang auf dem Rucksack runtergetragen haben. Die Abfahrt über den Gletscher ist nicht nur weitaus effizienter und weniger mühselig als das Runterstapfen zu Fuss, sondern macht dank des guten Schnees sogar richtig Spass! Und so kommt es, dass wir, dreieinhalb Stunden nachdem wir das Seil eingepackt haben, bereits beim wohlverdienten Bier in Chamonix sitzen. 
Ach ja, es ist übrigens nicht ganz einfach, um diese Zeit noch ein offenes Hotel zu finden, und die Übernachtung vor Ort ist natürlich zwingend notwendig, weil wir ja noch unser Material an der Talstation der Grands-Montets Bahn auflesen müssen. Und dies geht nicht ganz reibungslos, denn aufgrund eines Missverständnisses war es auf der Bergstation geblieben. Deshalb gab's dann noch einen Kaffee vor Ort...

Facts:
Les Droites, "Colton-Brooks", SS+, IV, Wi5, M4, 1000hm. 

Material: Vollständige Eisausrüstung mit etwa 12 Schrauben, davon möglichst viele kurze (10er) Schrauben. Vollständiges Set Friends bis etwa C1, dazu kleine Keile oder Microfriends, Zackenschlingen. Wir haben ein 50m Einfachseil und ein 50m Zwillingsseil dabeigehabt, was das gleichzeitige Gehen mit T-bloc Sicherung erlaubt. Abseilen geht problemlos mit 2x50m. Skis für den Abstieg empfehlenswert.

Ganz grosses Kino in der vielleicht schönsten Eiswand von Chamonix. Obwohl die Kletterei schlussendlich nicht wirklich schwer ist, erfordert doch die Länge der Tour und die vielfältige Kletterei ein solides Können und grosse Erfahrung. 
Foto von gestern, aufgenommen von Marcel Dettling.
Von der Strategie her hat es sich für uns absolut ausgezahlt, leichtes Skimaterial (in meinem Fall der Rennski Elan Triglav, mit Rennbindung um die 900g, und einen Dynafit TLT5 carbon Schuh) mitzutragen. Sowohl Zu- als auch Abstieg sind einfach unendlich viel bequemer. Als Übernachtung ist sicher die Argentiere-Hütte die erste Wahl, ist diese voll bietet sich die Grands-Montets-Bergstation an. Der Gepäcktransport nach unten geschieht auf Good-will Basis der Bahn, muss nicht unbedingt klappen und sollte zumindest verbal verdankt werden :)

Montag, 9. März 2015

Einsamer Spiggengrund

"Die Fälle im Spiggengrund sind das Non-Plus-Ultras des alpinen Eiskletterns. Wer sie durchstiegen hat ist ein Erzbergsteiger [...]". Urs Odermatt wirft mit Superlativen um sich, wenn es um die Beschreibung der Eisfälle im Spiggengrund geht. (Spiggen-)grund genug, das wir uns diese Sache mal genauer unter die Lupe respektive unter die Geräte nehmen. Der Spiggengrund zeichnet sich neben der Länge der Fälle vor allem auch wegen der Länge des Zustiegs aus. Darum kam mir auch die Idee, dieses Projekt mal auf die 'harte Tour' anzugehen, das heisst, mit einem Biwak zuhinterst im Spiggengrund. Dies hat zwar den Vorteil, dass der Zustieg am Tag selber minimiert wird, dafür schleppt man auch mehr Gepäck. Wenn man zudem wie wir auch am ersten Tag bereits einen Fall klettert, dann steigt man potentiell durchfroren und durchnässt in seinen Schlafsack. Deshalb braucht es natürlich einen Partner mit entsprechender Motivation, der mit Thomas auch gleich gefunden war. 
Am Samstag gemütliche Anfahrt mit dem Posti ins Kiental. Hier buckeln wir unsere grossen Säcke und die Ultraleichtgewichts-Skis, und laufen in den Spiggengrund. Es zieht sich tatsächlich, wobei immerhin die Fälle schon bald auftauchen und so die Vorfreude verstärken. 
Wir erreichen nach etwa zweieinhalb Stunden die Alp zuhinterst im Spiggengrund, ideal im Kessel unter den Fällen gelegen. Obschon wir das Zelt dabeihaben, haben wir schon im Voraus spekuliert dass einer der Ställe offen sein könnte. Dem ist auch tatsächlich so, und so können wir unser Gepäck im ausserordentlich sauberen Stall gut deponieren. 
Um den Aufwand dieses Unternehmens zu rechtfertigen, drängt es sich natürlich auf, bereits heute einen ersten Fall zu klettern. Die Wahl fällt auf den "Spiggeni Tal", ein imposanter Fall mit einer markanten, riesigen und dicken Säule im mittleren Teil. Der Zustieg von der Hütte aus ist in guten 20 Minuten bewerkstelligt. 
Eine erste SL (Wi4-) führt über kompaktes, stellenweise leicht mürbes Eis auf das erste Band. Hier cruist Thomas in der zweiten Länge (Wi3-) der Riesensäule entgegen:
Die Säule selber besteht aus zwei Teilen: Zuerst über einen leichten, blumenkohligen Vorbau von rechts her an die eigentliche Säule, dann in steiler Kletterei direkt hoch. Von der Schwierigkeit her würde ich etwa Wi5 veranschlagen, Wi5+ wäre sicher zu hoch gegriffen angesichts der Tatsache, dass das Teil ultra-dick und gut strukturiert ist. Aber klar, es sind doch etwa 15 Meter 90°.
Nach dieser Hammerlänge legt sich der Fall wieder zurück. Es folgt eine hübsche Genusskletterei in leider ziemlich mürbem Eis (Wi3) auf das zweite Schneeband. Fast ungetrübten Genuss bietet die nächste Länge, die mittlerweile in der warmen Abendsonne steht und angenehm weich geworden ist: So um die 80° und etwa 60 Meter lang (etwa Wi4), ein schöner Tagesabschluss. Es würde jetzt zwar noch eine kurze Länge folgen, da aber die Sonne gerade hinter den Bergen verschwindet, entschliessen wir abzuseilen.

Facts: Spiggengrund, "Spiggeni Tal", Wi5, 6 SL

Sehr schöne Eistour, die zu Unrecht im Schatten seines grossen Nachbarn steht. Ende Winter ist die Säule wohl oft so fett gewachsen dass die Schwierigkeiten (und die objektiven Risiken) stark reduziert sind. Anfangs März bekommt der obere Teil des Falles schon recht viel Sonne, die Säule selber hingegen ist noch ganztags im Schatten.

Im letzten Tageslicht erreichen wir den Stall, und installieren unser Biwak. Bald brummt der Kocher und nach einer warmen Suppe vermisst man die Sauna schon fast nicht mehr. 
Auch die Nacht wird gar nicht so kalt wie befürchtet, im Stall drin sinkt die Temperatur kaum unter -2°. Jedenfalls erwachen wir am nächsten Morgen gut erholt um halb sechs. Ziel ist, bereits um die 7 Uhr am Einstieg des Grossen Spiggenfalls zu stehen. Schliesslich ist die Paradetour im Gebiet mit 12 SL schon ein respekteinflössendes Unternehmen. 
Schlussendlich ist es allerdings schon fast halb acht als wir am Einstieg stehen. Der Zustieg ist nämlich deutlich länger als er ausschaut, man muss doch inklusive Spurarbeit gegen 40 Minuten rechnen. Immerhin, der berüchtigte Kandersteg-Stress, wieviele Seilschaften schon Schlange stehen, fällt heute weg. Wunderbar!
Thomas steigt in die erste Länge ein, die bei etwa Wi3 eincheckt und mit grundsätzlich gutmütiger, aber wegen dem schlechten, mürben und überschneiten Eis doch nicht ganz ohne ist. Deutlich besser zur Hand geht die zweite Länge, ein wahres Kompakteis-Fest, auf rund 15 Meter um die 80° steil. Die dritte Länge beginnt zuerst moderat, steilt sich dann aber auf zu einer etwa 10 Meter hohen, breiten Kerze. Ich gehe sie von rechts her an, was dann eine luftige Traverse im senkrechten Gelände nach links, gefolgt von fünf senkrechten Metern erfordert. Im Normalfall nichts das mich gross aus der Ruhe bringt, aber irgendwie tue ich mich etwas schwer - vielleicht liegts am Seilzug, oder am ebenfalls etwas mürben Eis. Schon hier saugt die Tiefe - cool!
Weiter geht es über einige leichte Stufen (50°) und ein Schneefeld an den Fuss der nächsten Prüfung in Form einer etwa 15 Meter hohen, durchgehend senkrechten Eiswand. 

Diese Seillänge ist dann purer Genuss, selten habe ich besseres Eis geklettert, mit vielen natürlichen Hooks und perfektem, weichem Eis. Schlussendlich wird es etwa Wi5- sein, aber wirklich, wirklich schön! 
Eine weitere, mit etwa Wi2 deutlich einfachere Länge führt an den Fuss des 'Kernstücks' des Falls, der eindrücklichen Abfolge von riesigen Säulen und Eisbalkonen. Thomas klettert eine interessante Länge (Wi4) aus Blumenkohlen bis an den linken Fuss der Kaskade, überschneiter Schnee gibt die nötige Würze. Jetzt beginnt das grosse Kino: Hinter der linken Giga-Säule durch gelangt man ins riesige Eis-Fenster zwischen den beiden Säulen.
Hier könnte man weiter hinter der zweiten Säule hindurchkriechen, um so auf ein schmales Band zu gelangen. Allerdings war ich a) nicht sicher ob der Durchschlupf wirklich genug gross wäre und b) diese Variante wirklich einfacher ist als der direkte Aufstieg durch das Eisfenster. So entscheide ich mich für die zweitgenannte Variante: Am linken Rand des Eisfensters in genialer, steiler Kletterei direkt hoch! Die Ausgesetztheit ist atemberaubend, die Schwierigkeiten dank extrem gut gewachsenem Eis überschaubar: Zuerst etwa 5 Meter 90°, danach nochmals 15 Meter um die 85°, summa summarum etwa Wi5. 
Nach dieser Aufregung ist die Tour eigentlich schon fast gegessen. Allerdings wäre es natürlich sehr schade an dieser Stelle bereits umzudrehen. Es folgt eine moderat steile Stufe, die sich in zwei genussreichen SL (Wi2, Wi3) klettert. Etwas wehmütig schaue ich hoch zum wilden Direktausstieg. Die untere der beiden Säulen würde ich mir noch zutrauen, die sieht sogar richtig geil aus. Die obere hingegen ist definitiv nur für Lebensmüde. Zu beachten ist übrigens noch, dass die obere Säule während etwa zwei Stunden am Nachmittag Sonne abkriegt. Deshalb ist es wohl nur eine Frage von Tagen, bis dieses unendlich fragile Teil kollabiert - dies gilt zu beachten, wenn man im späteren März hier klettert!
Rechts wartet eine natürlich viel einfachere, aber noch einmal richtig interessante Abschlusslänge auf uns: Eine kurze, senkrechte Stufe, etwa 6 Meter 90° (Wi4+), bläst die Arme nochmals auf, bevor wir uns in der warmen Nachmittagssonne die Hände schütteln. Eine hammer Tour liegt hinter uns! Für die 12 Seillängen haben wir doch gute sechseinhalb Stunden gebraucht. Das Abseilen gestaltet sich dank vorhandenen Eissanduhren effizient, um vier Uhr Nachmittags stehen wir zurück am Einstieg, und pünktlich aufs letzte Postauto sind wir um sechs Uhr zurück im Kiental. 

Facts:
Spiggengrund, "Grosser Spiggengrundfall", Wi5, 12 SL

Eine der längsten Eisfälle der Schweiz! Schöne, abwechslungsreiche Kletterei, allerdings nicht sehr homogen. Natürlich nicht zu vergleichem mit Toptouren wie dem Crack Baby, aber dennoch eine uneingeschränkt empfehlenswerte Tour, insbesondere wenn man Einsamkeit und alpines Ambiente schätzt. Hier nochmals ein Bild der Touren, rechts der Grosse Spiggengrundfall, links der "Spiggeni Tal" mit der dicken Säule. Die mittige "Spigg mi furt vo hie" steht leider nicht.
Übrigens, in diesem Kessel gäbe es wohl genug Fälle für eine ganze Woche zu klettern, die meisten sind nicht dokumentiert und vielleicht auch noch gar nie begangen worden. Allerdings stehen einige davon ziemlich in der Sonne, und wer im Januar hier klettern will braucht definitiv ein warmes Winterfell!

Sonntag, 25. Januar 2015

Eiswoche in Cogne

Mitte Januar steht traditionell die Eiskletterwoche mit den Freunden vom SAC Albis an. Nachdem die Woche letztes Jahr im Gasteinertal komplett ins Wasser fiel, setzen wir dieses Jahr wieder auf einen sicheren Wert, nämlich das kalte Hochtal von Cogne. Hier braucht es schon mehr als so ein paar Grädchen Klimaerwärmung, für das kein Eis wächst. Allerdings ist dank diversen Einträgen auf den einschlägigen Internetforen schon im Vornherein klar, dass dieser Jahrgang auch in Cogne eher mittelmässig ist. Aber eben, in Cogne bedeutet 'mittelmässig', dass man einfach 'nur' etwa 30 anstatt 60 Eisfälle zur Auswahl hat - also immer noch genug für ein halbes Eiskletterleben.
Als Unterkunft wurde kurzfristig im Hotel 'Grand Paradis' gebucht, wir wurden dann aber vom Hotel zu gleichen Konditionen auf das Sant'Orso umgebucht, kamen also in den Genuss von Viersterne-Wellness zu wirklich sehr fairen Preisen. Die Anfahrt gestaltet sich unkompliziert per öV und Taxi, wenn man auf den 15 Uhr Zug in Zürich geht, ist man etwa um 20 Uhr in Aosta und um halb 9 bereits in Cogne. Dabei spart man sich auch die hohe Tunnelgebühr am Grossen St. Bernhard.
Am Sonntag dann erster Eiskontakt: Mit dem gratis Skibus (Abfahrt um 9:15, d.h. etwas spät) fahren wir ins Valnontey. Aufgrund der sehr mageren Schneelage ist die Loipe nicht präpariert, man ist zu Fuss fast ebenso komfortabel unterwegs wie mit den Skis (mit Letzteren spart man im Abstieg allerdings doch etwa 20 Minuten). Wie erwartet ist am Sonntag natürlich Hochbetrieb, am Einstieg des anvisierten 'Patri' stehen mindestens 10 Seilschaften. So wandern wir weiter nach hinten ins Tal. Ein Teil unserer Gruppe steigt zum Flash Estivo hoch, ich peile mit Theo den 'Mondey Money' an. Diese schöne 3-SL Tour befindet sich in unmittelbarer Nähe der 'Repetance'. Obwohl nur etwa 75°, bietet die erste SL bietet bereits eine kleine Mutprobe, weil die Vereisung wirklich eher mager ist und man nicht überall schrauben kann wo man möchte. 
Die zweite SL ist deutlich steiler, und recht hübsch zu klettern. Der Höhepunkt ist dann die dritte SL, wo bereits einige Meter in 85° Gelände geklettert werden dürfen, wobei das Eis natürlich Cogne-mässig zerhackt und zerhookt ist. 
Oben würde dann ein Schneecouloir, gefolgt von einer kurzen Eisstufe folgen. Die schenken wir uns, seilen in 2x60 Meter zurück an den Einstieg ab, und fahren zurück nach Cogne, wo die Sauna und der Whirlpool unter freiem Himmel bereits auf uns warten.

Facts:
Valnontey, "Mondey Money", Wi4, 3 SL.
Hübsche Tour, wobei das Verhältnis zwischen Zustiegsmetern und Klettermeter allerdings besser sein könnte.

Nachdem es gestern mit dem Patri nichts gewesen war, sollte heute zusammen mit Sophie nochmals einen Versuch gestartet werden. Dank dem Taxi (Telefonnummer im Hotel nachfragen) sind wir heute auch deutlich früher vor Ort - wobei wir allerdings immer noch etwa drei Seilschaften vor uns haben. Ist im Patri allerdings kein Problem, es hat immer wieder grosse Schneefelder zwischen den Aufschwüngen, so dass man gefahrlos einsteigen kann. Hier setzt Sophie zum Überholmanöver an in einer sehr empfehlenswerten Variante (etwa Wi3) im unteren Teil:
Nach zwei kürzeren Aufschwüngen befindet man sich im Kessel, von wo man entweder in den Patri gauche (Wi3+) oder in den Patri droite (Wi4+) einsteigen kann. Ziel wäre eigentlich der rechte Fall gewesen, aber dort befindet sich bereits zwei Seilschaften am Werke. So klettern wir zuerst den linken Fall in einer sehr empfehlenswerten, recht anhaltenden Seillänge (etwa 80° auf 30 Meter). Danach abseilen und an den rechten Fall rüberqueren. Diese für einen 4+ recht imposante Kerze lässt sich in einer Seillänge (45 Meter bis zu 90°) klettern, wobei es mehrere kleine Eisbalkone zu ersteigen gilt. Wirklich sehr coole Kletterei. Interessant übrigens die Tatsache, dass es bei uns völlig trocken war, zwei Tage später hingegen läuft das Wasser direkt über die Kerze. Offenbar sucht sich das Wasser regelmässig neue Wege...
Facts:
Valnontey, "Patri", Wi3+ resp. Wi4+, 3+1+1 SL
Sehr schöner Fall mit drei leichten unteren Längen, und zwei interessanten Varianten im oberen Teil. Achtung, sehr vielbegangen, am Wochenende zu meiden!

Am Dienstag ist nochmals schönes Wetter angesagt. Grund genug, zusammen mit Corina einen der leichteren, sonnigen Klassiker auf der Südostseite des Tales zu probieren. Die Wahl fällt auf den "Valmiana", den ich noch nicht kenne. Es sind etwa sechs SL, wobei man auch gut einen Teil parallel gehen könnte. Die Kletter-Highlights sind die erste SL, die sich aufgrund eher magerer Vereisung als ein recht steiler, blumenkohliger Wi3 präsentiert, und die ebenfalls sehr schöne 5. SL. 
Facts:
Valnontey, "Valmiana", Wi3, 6 SL
Sonnige Genusstour mit für Wi3 relativ steiler Einsteigs-SL. 

Der Besuch der Mondey Money am Sonntag hat mein Appetit auf eine Wiederholung der Paradetour von Cogne, der "Repetance Super", geweckt. Mit Theo steht auch ein top-motivierter Mitstreiter bereit. Mit ihm kann ich mich auch gut im Vorstieg abwechseln, was eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Begehung in dieser anspruchsvollen Tour ist. Heute ist das Wetter schlecht, was aber für das Eis eher gut ist, da die Temperaturschwankung weniger gross ist. Heuer ist auch die Repetance vergleichsweise mager gewachsen. Gerade für diese Tour ist dies allerdings kein Nachteil: Anstelle der teils fragilen Vorhänge vom letzten Mal besteht der Fall dieses Jahr aus einer Abfolge von Balkonen und Rampen, die die Kletterei zwar eher noch steiler als normal gestalten, dafür auch die Absicherbarkeit und die Ruhepositionen deutlich verbessern. Die erste SL (Wi5) lege ich an den linken Rand, für die Crux, ein Boulder über einen riesigen Blumenkohl (etwa 95°), brauche ich doch einen Block. Der Stand mache ich an Schrauben am linken Rand. Wirklich genial ist die zweite Länge, die Theo vorsteigt: Auf den ersten Blick ein Horror-Geschirrladen im Dauerpiss, entdecken wir aber eine versteckte Rampe, die, geschützt durch einen überhängenden Balkon, eine völlig trockene und eindrückliche Kletterei erlaubt. Hier das Ambiente auf der Rampe, wirklich vom Besten:
Nach der Rampe folgt eine kurze Traverse nach rechts, dann geht es nochmals etwa 6 Meter 90° nach oben, wobei man hier leider wieder im Wasserfall (sic!) klettert. Insgesamt checkt diese Länge auf dieser Variante etwa bei Wi5- ein. 
In meiner Erinnerung war die dritte SL über die steile Ausstiegskerze deutlich am schwierigsten. Das ist dieses Jahr nicht anders: Nach einem gemütlichen 'Zustieg' über eine Rampe nach links hoch folgt die eigentliche Ausstiegskerze. Ausgesetztheit pur, eine Eisscholle fällt an dieser Stelle rund 80 Meter runter ohne aufzuschlagen! Allerdings sind hier die Bedingungen deutlich besser als noch vor zwei Jahren: Das Eis ist dick und solide, es hat sogar ab und zu natürliche Tritte. Aber klar, steil ist es trotzdem: Auf rund 15 Meter satte 90°, die ersten zwei Meter sogar leicht überhängend. Meine Kraftausdauer dieses Jahr ist eher suboptimal, ich brauche doch ein paar Rests, bin weit von einem Rotpunktdurchstieg entfernt. Aber ist eigentlich auch egal, Hauptsache das Gesamterlebnis stimmt! Hier Theo im Nachstieg, wirklich eine Hammer-Länge:
Wobei, mit Wi6 hat es dann doch wenig zu tun. Die Kletterei ist zwar ähnlich steil wie beim Crack Baby, aber deutlich weniger anhaltend. Ich denke, bei den aktuellen Verhältnissen wäre Wi5+ eher angebracht.
Jetzt würde ein Schneecouloir, gefolgt von zwei leichteren Ausstiegslängen, folgen. Zeit hätten wir zwar noch genug, aber, nass bis auf die Unterhosen, entschliessen wir uns doch fürs Abseilen. Dazu sind die Aussichten auf Punsch, Plättli und Sauna doch zu verlockend... Hier ein Überblick über die Tour, mit einer italienischen Dreierseilschaft an der Arbeit. Gut sichtbar 'unsere' Rampe ein paar Meter links vom Vorsteiger:

Facts:
Valnontey, "Repetance Super", Wi5+ (Wi6), 3+2 SL
Die Traumtour im Gebiet wartet mit sehr steiler, ausgesetzter, aber dennoch für den Grad sicherer und gut absicherbarer Kletterei auf. Für mich eine der besten und zugänglichsten Touren im Alpenraum in diesem Grad. 

Nachdem doch die Arme etwas gelitten haben, steht am Donnerstag etwas leichter Verdauliches auf dem Programm. Zusammen mit Thomas geht es ins Valeille, wo dieses Jahr leider sehr wenige Fälle stehen. Tutto relativo, Stella artice, stehen nicht. Besser hingegen sieht es auf der Ostseite auf. Unsere Wahl fällt auf die 'Candelabro del Coyote', welche ich vor zwei Jahren bereits geklettert und in sehr guter Erinnerung habe. Ich werde nicht enttäuscht, es sind wirklich zwei sehr schöne Seillängen über die steile Kerze. Spektakel wird vis-a-vis im Cold Couloir geboten, wo eine grosse Lawine abgeht. Zum Glück sind keine Kletterer in diesem Fall!
Nach der Einstiegskerze folgt eine etwas weniger hübsche und deutlich feuchtere zweite SL. Die schneeige dritte Länge schenken wir uns und seilen zurück an den Einstieg ab.
Da es doch noch etwas zu früh für das obligate Plättli in der Bar in Lillaz ist, queren wir rüber zum Tuborg. Dieser Fall habe ich noch nie geklettert, und lockt mit einer anspruchsvollen ersten Seillänge. Aber auch hier deutlich sichtbar der Einfluss des mageren Eiswachstums: Anstelle eines kompakten Vorhangs erlauben mehrere kleine Balkone ein deutlich entspannteres Klettern als in 'normalen' Jahren. 

Facts:
Valeille, "Candelabro del Coyote" und "Tuborg", Wi4+ resp. Wi5-, 3+2 SL
Zwei schöne Eisfälle, die sich gut kombinieren lassen und so einen ausgefüllten Klettertag bieten. Achtung, viele Leute!

Am Freitag haben wir Ruhetag und geniessen ausgiebig das Wellness. Für den Samstag schlussendlich folgt noch ein Halbtagesprogramm: Unsere Wahl fällt auf den Lauson, gleich oberhalb des Parkplatzes im Valnontey. Leider befinden sich bereits ein paar komplett überforderte Seilschaften vor uns, so müssen wir unsere eigene Linie etwas rechts des leichtesten Weges wählen. Das ist halt auch Cogne...

Facts:
Valnontey, "Lauson", Wi3
Schöne Halbtagestour, viel begangen.

Montag, 27. Oktober 2014

Psycho vertikal

Die Rébuffat-Terray, ursprünglich als Felsroute eröffnet, gilt mittlerweile als eine Art Prüfstein für Mixed- und Gully-Aspiranten. Etwa 500 Meter oder um die 14 Seillängen teils delikate Eis- und Mixedkletterei müssen gemeistert werden, um den an und für sich unbedeutenden Col des Pèlerins zu erreichen. Natürlich geisterte diese gewaltige Tour schon seit längerer Zeit in meinem Kopf herum, aber schlussendlich habe ich mich doch nie an dieses Abenteuer gewagt. Bis zum vergangenen Wochenende, als endlich wieder mal eine Tour mit Peter geplant war. Mit ihm als starken Partner sollte zumindest mal einen Versuch gestartet werden.
Nach einer kurzen, aber gemütlichen Nacht im Refuge Plan d'Aiguille geht es am Samstag Morgen früh los. Der Zustieg über das mit etwa 20cm Pulver bedeckte grobblockige Geröll ist wie erwartet mühsam und kräfteraubend, aber dennoch stehen wir im ersten Morgengrauen am Einstieg der gewaltigen Nordwand der Pèlerins. Das Wetter hält ebenfalls eine negative Überraschung bereit, statt des erhofften 'Grand beau' ist es stark bedeckt und beginnt sogar leicht zu schneien! Und schon bereits wenige Minuten nach Einsetzen des Schneefalls rauschen bereits die ersten Spindrifts die Wand herunter. Immerhin, der Niederschlagsradar verspricht Besserung, und so stechen wir im ersten Tageslicht los. Da der Direkteinstieg zumindest im Dunkeln ziemlich bold ausschaut, wählen wir den 'traditionellen' Einstieg, der etwas dem Eisschlag ausgesetzt ist. Allerdings ist das Gelände wirklich einfach, so im Bereich 45-50°, wir können seilfrei gehen und sind so binnen wenigen Minuten aus der Gefahrenzone draussen.
Bald wird das Gelände aber steiler und felsiger, wir seilen an. Eine erste Seillänge führt nach rechts an einen Stand. Die zweite Seillänge geht dann bereits ordentlich zur Sache: Etwa 65 Meter, bis zu 80° bester Styroporschnee, etwas lästig sind die Spindrifts, die mich im Vorstieg ordentlich einpudern. 
Die dritte Seillänge ist etwas gemütlicher und führt in einen wilden Kessel. Irgendwie kann man sich kaum vorstellen, dass es von hier eine durchgehende Eislinie nach oben gibt...
Weiter geht es zuerst etwa 20 Meter nach oben, von wo ein etwas weniger steiles Schneeband eine Traverse nach rechts erlaubt. Eine Schraube in gutes Eis gesetzt, dann wieder etwa 5 Meter abgestiegen, um so über eine kurze Steilstufe den Stand zu erreichen. Jetzt ist es mal Zeit das Topo zu studieren, welches etwas von sechs Seillängen versprochen hat. Wir haben ja bereits vier Seillängen geklettert - sind wir schon fast oben? Nein, weit gefehlt! Ernüchterung macht sich breit, als wir realisieren, dass dies erst der Zustieg war. Na toll - was erwarten uns da noch? 
Zuerst erwartet uns eine weitere Styroporschnee-Länge, cool zu klettern, insgesamt auch eher gutmütig. Spektakulär ist die nächste Seillänge, die in einem archetypischen Gully beginnt: Eine tief eingeschnittene, kaum ein Meter breite Eisrinne, gut mit Friends an Rissen absicherbar. Vom Geilsten! Nach etwa 20 Meter quere ich nach links, um über einen kurzen Aufschwung an 'Placages' (d.h. Klebschnee) den Stand zu erreichen. Grosses Ambiente!
Zu erwähnen ist noch, dass beide Seillängen deutlich über 40 Meter lang waren - und dennoch, laut Topo haben wir gerade mal die 'erste' der sechs Seillängen bewältigt. Peter startet jetzt in die 'zweite' Länge, laut Topo der Crux. Tatsächlich aber ist die Crux bei den aktuellen Verhältnissen eher gutmütiger als gedacht: Von einer wirklich guten Zwischensicherung (die auch als Stand gebraucht werden könnte) muss man etwa vier Meter an 80° Placages hochhooken, um dann eine akzeptable Zwischensicherung zu finden. Peter jedenfalls steigt souverän an den Stand, ich geniesse die geniale Kletterei im Nachstieg. Dann ist es aber wieder an mir zu übernehmen: Zuerst eine mit Cams ok abzusichernde Styropor-Verschneidung hoch. Das Gelände wird jetzt zwar ein Tick einfacher, aber mit jedem Meter, den ich über die letzte Zwischensicherung steige, steigt auch meine Nervosität. Wo führt das hin? Zurückklettern ist irgendwie keine Option mehr. Nach etwa 10 Meter Eiertanz finde ich eine etwas dicker gewachsene Stelle, wo ich eine 10er Schraube versenken kann. Jetzt steige ich wieder kurz ab, um dann nach rechts über zugeeiste Platten hochzusteigen - notabene ohne Sicherungsmöglichkeit! Phuh... psycho, psycho... Nach etwa 10 Meter ohne Zwischensicherung erreiche ich wiederum eine etwas flachere Stelle, wo sich ein guter Stand an einer 16er Schraube basteln lässt. Hier kreuzt übrigens die 'Beyond good and evil' unsere Route, ich finde aber keinen fest installierten Stand. Im Abstieg werden wir hier einen Abalakov fädeln müssen.
So richtig, richtig bösartig wird es dann aber erst in der nächsten Seillänge, die sich wiederum Peter gibt. Eine Verschneidung, etwa 15 Meter lang, bis zu 90° steil, vorwiegend an 'Placages' zu klettern. Zwischensicherung? Nun ja, ein paar halbbatzige Schüppchen erlauben Cams zu legen, nur stürzen möchte man nicht unbedingt. Peter flucht und eiert, behält aber zum Glück die Nerven. Ein paar lange Minuten und für ihn untypisch kleine Abstände später der erlösende Schrei 'Stand!'. 
Die folgende Länge gebe ich mir wiederum, sie führt über einen zwar ähnlich steilen, aber kürzeren und deutlich besser absicherbaren Fels-/Eisriegel hoch. Als nach bereits etwa 15 Meter einen Stand auftaucht, nehme ich ihn gerne. 
Mittlerweile hat uns dichter Nebel eingeholt, der für die nötige atmosphärische Untermalung der letzten Monsterlänge sorgt. Nach etwa 20 Meter relaxtem Styroporgehacke kommt die erste Prüfung in Form einer Fels-Verschneidung aus dünnem Eis, die aber immer einigermassen gut an Cams links ausen absicherbar ist. Peter lässt den Zwischenstand aus und macht eine delikate Plattentraverse nach links, um wiederum eine vereiste Verschneidung zu erreichen. Diese in recht schöner, eher wieder ein Tick gutmütigeren Eiskletterei hoch zum Stand. Und ja, wir haben ihn erreicht, den berühmten Col. Oder, um es in den Worten von Jon Griffith auszudrücken, "another Cumbrèche reached!". Mitterweile ist es schon halb vier, wir haben also doch gute siebeneinhalb Stunden bis hierher gebraucht. 
Die Abseilerei geht danach plus minus reibungslos, gestaltet sich aber ziemlich endlos... schlussendlich brauchen wir zwei Stunden bis zurück an den Einstieg. Im letzten Tageslicht erreichen wir schlussendlich das Refuge, wo die langersehnte warme Dusche auf uns wartet!

Facts
Col du Pèlerins, Rébuffat-Terray (aka Carrington-Rouse), AS-, Wi5, M4+, R, 500m, etwa 12 SL

Sehr anhaltende Eis- und Mixedkletterei. Obwohl insgesamt ordentlich absicherbar, müssen mehrere längere Runouts in teils eierigem Gelände gemeistert werden. Nur geniessbar, wenn man eine gewisse Reserve in dieser Art Kletterei hat!

Material: Das volle Rack, und zwar insbesondere die ganz kleinen Cams (C3 00,0,1,2) bis und mit dem gelben 2er. Dazu Keile, evtl. Schlaghaken, Zackenschlingen, und etwa 8 Schrauben, primär 10er und 13er.

Nach diesem grossen Tag brauchen wir am Sonntag natürlich etwas Leichter-Verdauliches. Und was wäre besser geeignet als einen der bekannten Gullies in der Aiguille Midi Nordwand zu probieren? Die haben ultrakurzen Zustieg und garantierten Spassfaktor. Zudem erlaubt die Zeitumstellung bersteiger-untypisches Ausschlafen! 
Etwas weniger gemütlich gestaltet sich das Aussteigen auf der Midi Bergstation, die Bahn voller Alpinisten, wir machen einen etwas nonchalanten, kurzen Sprint, um immerhin als zweite Seilschaft die Abseilstelle an der Brücke zu erreichen. Hinter uns bildet sich innert Sekunden eine ziemliche Traube an Bergsteigern. Welcome to Chamonix!
Den Einstieg der anvisierten 'Vent du dragon' erreicht man mit sechsmaligem Abseilen, im Gegensatz zu gestern nicht an halb aufgelösten Schlingen und Normalhaken, sondern an bombenfesten Bohris. 
Die die Seilschaft vor uns einen anderen Gully anvisiert, sind wir tatsächlich als Erste am Einstieg, und starten unverzüglich. Und bald wird klar, dass hier doch ein anderer Wind weht als gestern: Gut ausgehackt und perfekt an Schrauben, Schlingen und Cams absicherbar. Die ersten zwei Längen sind jedenfalls problemlos. Spektakulär ist dann die dritte Länge: Eine perfekte Eis-Verschneidung, gefolgt von einer coolen Mixed-Stelle, die von weitem trocken ausschaut, aber mit unerwarteten Glasuren aufwartet. Vom Feinsten!
Die darauf folgende Seillänge ist etwas einfacher, aber kaum weniger schön: Steile Zungen aus dünnem Eis, ein, zwei kurze Felsaufschwünge, immer super absicherbar, die reinste Freude! Einen Stand finde ich allerdings nicht, hingegen einen super Zacken in einer kleinen Grotte für einen Schlingenstand. 
Die letzte Seillänge ist nochmals unerwartet biestig, sie führt durch eine spektakuläre Rauhreif-Landschaft und zuletzt einen Stemmkamin auf den Grat.
Nun gilt es noch über den Cosmiques-Grat die Midi-Bergstation wieder zu erreichen. Einmal mehr ein super Tag in diesem schönsten Gebirge der Welt!

Facts:
Aiguille du Midi, "Le vent du dragon", SS-, M4+, 5 SL

Ein wunderschönes, modernes und sehr abwechslungsreiches Gully. Die Kletterei ist deutlich gutmütiger als in der Rébuffat-Terray! Geklettert wird hier im Verdon-Prinzip, zuerst abseilen, dann wieder hochklettern. Deshalb sollte man schon auch wirklich hochkommen...

Material: Normales Set Cams bis 2, Zackenschlingen, etwa 6 Eisschrauben (insbesondere kurze).

Montag, 13. Oktober 2014

Ein Klassiker zum Entdecken

... ist die "Wohlgenannt-Gedenkführe" an der Drusenfluh, die Sophie und ich an diesem Sonntag anpeilen. Zwar 'nur' ein Plan B, aber angesichts des durchzogenen Föhnwetters eine ganz passable Idee. Ähnlich wie bei der Bodin-Afanasieff fängt auch heute das Abenteuer schon auf dem Zustieg an - respektive sogar noch vorher. Denn irgendwie schaffe ich es, das Mobility-Fahrzeug auf dem zerfurchten Strässchen kurz vor dem Parkplatz auf dem Grüscher Älpli so unglücklich auf einen Stein zu setzen, dass tatsächlich der Pneu platzt (ok, ich stehe dazu, ich bin halt ein Mobility-Fahrer). Jedenfalls befürchten wir schon das vorzeitige Ende des Klettertages, aber zum Glück hatte ich das Vergnügen, schon im Frühling eines Radwechsels beiwohnen zu können, so dass wir zumindest mal den Versuch machen, das Rad selber zu wechseln. Und siehe da, mit etwas Anleitung studieren klappt es tatsächlich, und eine gute halbe Stunde später als geplant kann es jetzt doch noch losgehen!
Bald erreichen wir den Einstieg, ein gut sichtbarer Bolt erleichtert das Finden der Route. Sophie startet in die erste Länge, mit 4b ein gutmütiger Start. Wobei, schon nach wenigen Metern wird klar dass die 'angedrohte' Sanierung der Route zurückhaltend ausgefallen ist: Auf 40 Meter gerade mal zwei Bolts. 
Die zweite Länge checkt bei 6a ein. Eigentlich ein Grad, bei dem ich nicht viel studieren müsste - weit gefehlt. Zum zweiten Bolt darf schon mal ein paar Meter über den Haken geklettert werden. Aber phuh, der Aufschwung hat es wirklich in sich! Plattiges Anstehen, Schnappen von schlechten Auflegern, halt Rätikon vom Feinsten. Mir kommts eher wie 6b vor. Danach folgen noch etwa 10 leichtere Meter bis zum Stand, ohne Bolts, so dass auch noch die Cams zu Ehren kommen.
Wirklich deftig wird es dann in der dritten Länge. Nominell 5c, eigentlich ein lösbares Problem. Nur, es ist halt eine senkrechte Rissverschneidung, bis auf eine total vermoderte Schlinge, die kaum das Eigengewicht des Express hält, vollständig clean. Zum Glück frisst der Riss die grossen Nummern wirklich gäbig, insgesamt investiere ich einen 1er, 2er und 3er Cam auf dieser Länge. Im Bild oben ist Sophie am Ausstieg vom Riss.
Es folgt eine moderatere und etwas unschöne vierte Länge, abgesichert mit ein paar mittelprächtigen Normalhaken. So richtig gut ist dann wieder die fünfte Länge: Eine plattige 5b-Traverse in traumhaften, wasserzerfressenen Fels (was eher ungewöhnlich ist fürs Rätikon). Auch hier wird vorwiegend an Normalhaken abgesichert, wem dies zu windig ist, der darf auch wieder selber legen. Hier Sophie im Vorstieg:
Die sechste Länge ist eine weitere Traverse, etwas schwieriger als die vorherige. In der Schlüsselstelle gleich zu Beginn ist man wirklich froh, den Normalhaken hängen zu können. Der nachfolgende Move ist die Crux, bei einem nicht so sicheren Nachsteiger sollte man unbedingt noch einen Cam legen, obschon das Gelände danach leichter wird, ansonsten dieser einen Giga-Pendler macht. Fertig ist der Spass noch nicht, es folgt eine mühsame, aber irgendwie auch coole und vor allem sehr ausgesetzte Traverse auf einem fast überhängenden Gras-Balkon.
Anzumerken ist noch, dass ein Rückzug von diesem Stand aus äusserst mühsam wäre, weil man doch zwei Seillängen gequert ist. Also besser nix anbrennen lassen...
Es folgt mit 5c+ A0 (6c) rein nominell die Schlüssel-Länge. Ich versuche das Monster zuerst freizuklettern, aber da gibts wirklich nichts zu holen für mich! Anhaltend super-technisch, ich kann mir kaum vorstellen wie man die Züge machen könnte. Dazu kommt, dass zwar etwa alle 1.5 Meter ein Haken steckt, über die Hälfte davon sind aber so dünne Häkchen in Bohrlöcher, die wohl wirklich nur zum Techen gedacht sind, aber sicher nicht zum Stürzen.
Nach dieser Aufregung folgt eine leichtere 3er Länge, bevor es wieder zur Sache geht. Eine grosse Piaz-Schuppe, wobei hier (leider) doch ein paar Bolts stecken, obwohl man perfekt selber legen könnte. Zu sagen noch, dass auch diese Seillänge in bestem Fels wirklich super zu klettern ist. Sodann erreichen wir das Wandbuch, und siehe da: Jahrgang 1973, also immer noch von den Erstbegehern! Mittlerweile ist es etwa zu zwei Drittel gefüllt, was einiges über die 'Popularität' der Route aussagt.
Danach folgen noch drei leichtere Längen, eine coole 4b mit interessantem Stemmkamin, eine etwas leichtere, dafür kaum absicherbare 3er-Länge, und noch eine auch eher leichte 4er Länge zum Ausstieg. Nach knappen sechs Stunden stehen wir am Ausstieg, hinter uns eine der besten Klassikern, die ich schon geklettert habe!
Wobei, der Abstieg ist auch nicht ganz geschenkt, man muss zuerst ein paar Meter abklettern (II), dann nach Westen wieder aufsteigen (ebenfalls etwa II). Hier befindet sich eine Abseilstelle, und mit 50m erreicht man ein Grasband. Jetzt steigt man über deutlich einfachere Schrofen ab, und erreicht den Parkplatz nach knappen anderthalb Stunden.

Facts:
Drusenfluh, "Wohlgenannt-Gedenkführe", 6a A0 (12 SL)

Ein selten begangener Klassiker, der sehr zurückhaltend saniert wurde und jetzt eine tolle Klettertour in bestem Fels darstellt, bei der die Cams nicht nur fürs Foto an den Gurt gehängt werden dürfen! 

Material: 12 Exen, vollständiges Set Cams 0.5-3, vollständiges Set Keile.

Dienstag, 9. September 2014

A walk on the wild side

Der grosse Kessel auf der Nordwestseite des Mont Blanc beheimatet eine der wildesten Gletscherszenerien der Alpen. Im Juni konnte ich anlässlich der Skitour auf den Mont Blanc diese Ecke des Massivs kennenlernen. Was nur Wenige wissen, ist, dass es ebenfalls ein Gully zu entdecken gibt, der quasi auf Tuchfühlung mit den gigantischen Serac-Strömen geht. Es zieht sich durch die vom Tal aus gut sichtbare NW-Wand des Tacul, und wurde von der namensgebenden Seilschaft Bodin-Afanasieff erstbegangen. Obschon gut sichtbar auf dem Titelbild des Buches "Snow, Ice & Mixed II" platziert, gilt das Gully als Geheimtipp: Zwar technisch nicht sonderlich schwierig, ist es, wenn man den Zustieg einrechnet, eine recht komplexe und anspruchsvolle Hochtour, nicht zu vergleichen mit den 'Sportkletter-Gullies' auf der Ostseite. 
Nach dem kalten und feuchten Sommer vermuten wir gute Verhältnisse, und so wagen Thomas und ich uns zu einer eher untypischen Jahreszeit ins eisige Gefilde. Um den besten Output aus dem Wochenende zu bekommen, fahren wir am Samstag mit dem ersten Zug nach Cham und gleich hoch zur Midi. Ziel für den Samstag ist die Rébuffat in der Midi Südwand, ein Über-Klassiker mit entsprechendem Auflauf. Als wir um halb zwei Uhr Nachmittags einsteigen, brauchen wir aber keine Minute zu warten. Glücklich wähnt, wer die letzte Bahn nicht erwischen muss!
Eine genaue Beschreibung der Route spare ich mir, es gibt Dutzende von guten Berichten, unter anderem der von meinem Bergkollegen Marcel. Jedenfalls geht uns beiden die wirklich wunderschöne Kletterei gut von der Hand, nach etwas über drei Stunden haben wir den Gipfel bereits erreicht.
Da wir ja in die Cosmiques-Hütte wollen, seilen wir über die Route respektive über eine Linie rechts davon ab. Geht grundsätzlich ok, wobei ein etwas mühsamer Pendler notwendig ist, um die Einstiegsterrasse zu erreichen. Wäre wohl besser, bereits im oberen Teil über die am weitesten rechts liegende Route (Contamine?) abzuseilen. 

Pünktlich aufs Abendessen erreichen wir die Cosmiques-Hütte. Beim Einchecken folgt dann die kalte Dusche: Auf Nachfrage meint die Hüttenwartin, dass die Verhältnisse im anvisierten Gully wohl schlecht seien, "c'est sec". Was tun? Ich hätte wahrscheinlich den Schwanz eingezogen und eine Felstour anvisiert, Thomas hingegen favorisiert weiterhin das Gully. Schlussendlich überredet er mich, und mit dem sehr selten begangenen NW-Grat auf den Tacul wäre ja auch eine gute Fallback-Option vorhanden. Hier der Tacul im Mondlicht abends um neun Uhr:
Nach etwas unruhiger Nacht geht es um viertel vor sechs los, gerade genug spät, dass wir in der Tacul-Traverse bereits Tageslicht hätten. Im Nachhinein wären wir aber noch besser eine Stunde früher losgegangen. Jedenfalls steigen wir bis auf etwa 3800m hoch (also deutlich über den Bergschrund im oberen Bild), um dann nach rechts zu queren. Der Schnee ist hart, das Gelände erlaubt keine Fehler, und die Querung entsprechend unangenehm. Jetzt wird auch klar, warum das Gully so selten gemacht wird: Herrscht auch nur ein bisschen Lawinengefahr, ist das definitiv kein Ort zum Sein!
Der heikelste Teil dabei ist, von der mittleren 'Terrasse' aus zum Pässchen zu gelangen. Dabei hat man die Wahl, entweder einen unbekannten und beliebig unangenehmen Bergschrund im Abstieg zu überwinden, oder in 50° steilem Gelände etwa 100 Meter ganz rechts entlang vom NW-Grat abzusteigen. Wir wählen die zweite Option - geht zwar soweit ok, erfordert aber weiterhin höchste Konzentration. Schlussendlich stehen wir in besagtem Pässchen und können zum ersten Mal einen Blick auf das Gully erhaschen. Gross ist die Erleichterung, als sich da tatsächlich eine weisse Linie hochzieht!
Über schuttiges, steiles Gelände steigen wir ab, seilen zuletzt noch 20 Meter bis auf das Firnfeld ab. Das Ambiente ist wild: Gigantische Seracs, wohin das Auge blickt. Man wähnt sich am Ende der Welt, und ein Rückzug wäre zwar nicht unmöglich, aber auf alle Fälle eine nicht-triviale Hochtour!
Hier erreicht Thomas den Einstieg, unmittelbar am Bergschrund unter der brüchigen Einstiegswand. Es ist mittlerweile neun Uhr, wir haben also über drei Stunden gebraucht bis hierher. Denke, bei guten Schneeverhältnissen (weicher Schnee) könnte man eine gute halbe Stunde sparen, aber es zieht sich wirklich!
Cams und Keile sortiert, Seile eingebunden, los gehts! Nach wenigen Metern aber stelle ich mit Schrecken fest, dass mir den Monozack im Geröllabstieg abgebrochen ist. So ein Shit! Nun ja, dann muss halt Thomas den Vorstieg in den schwierigen Längen übernehmen, im Nachstieg traue ich es mir zu, quasi nur 'mit einem Fuss' zu klettern. 
Die im Führer erwähnte M3-Länge ist jetzt, im Spätsommer, einfach ein 'gewöhnlicher' alpiner 3er und bereitet keine Kopfzerbrechen. Bald stehen wir in der Eisrinne, die hier zuunterst mit hartem Firn gefüllt ist, und nur kurze Aufschwünge in weichem Eis bietet. Wir gehen parallel am langen Seil und kommen so gut voran. Nach einer Stunde erreichen wir bereits den Sockel der Aiguille Sassure. 
Hier wird das Gelände minim steiler, zudem wird es deutlich eisiger. Deshalb, und auch weil die Kletterei mit nur einem Monozack doch etwas wackliger ist, sichern wir hier von Stand zu Stand, was uns doch etwas bremst.
Bald erreichen wir die Crux des Gullies, bestehend aus zwei Aufschwüngen mit je etwa 80° steilem Eis. Das Eis ist aber gut strukturiert, und lässt sich auch mit 'reduziertem Material' gut klettern.
Hier Thomas im zweiten Aufschwung, schöne Eiskletterei - und das im Spätsommer!
Danach legt sich das Gelände deutlich zurück und wir gehen wiederum parallel. Ein paar kurze eisige Passagen, und wenig später erreichen wir die Firnschulter des Taculs. Mittlerweile ist die Zeit doch schon fortgeschritten, halb drei zeigt die Uhr. Wir haben somit fünfeinhalb Stunden für das Gully gebraucht, sicher keine neue Rekordzeit, aber angesichts der leicht erschwerten Umständen verständlich.
Da die normale Abstiegsspur vom Tacul dieses Jahr ganz oben am Gipfel verläuft, müssten wir jetzt nochmals etwa 100 Höhenmeter über die Schulter hochlaufen. Da wir aber etwas unter Druck stehen, die letzte Bahn zu erwischen, queren wir horizontal in die N-Flanke raus. Es ist nochmals steil, so um die 45°, aber der Schnee ist hier oben weicher. 
Nach dieser letzten 'Nerven-Passage' erreichen wir aber bald flächeres Gelände, und können horizontal unter der obersten Serac-Passage in die normale Abstiegsspur rüberqueren. Und dann ist es reine Form- respektive Kopfsache, vom Tacul runter und zur Midi hochzulaufen.

Facts:
Mont Blanc du Tacul, "Bodin-Afanasieff"-Gully, S+, IV, 80°

Abgelegene Eisrinne in einer wilden Ecke des Massivs. Das Gully selber ist zwar technisch einfach, aber zusammen mit dem wirklich komplizierten und oftmals heiklen Zustiegs ein nicht zu unterschätzendes Unternehmen - kaum zu vergleichen mit den Gullies auf der Ostseite!

Material: 8 Schrauben, Zackenschlingen, Set Cams und Keile. Theoretisch reicht ein Einfachseil, da man oben aussteigt. Ein Rückzug wäre schwierig, könnte aber entlang vom NW-Grat bewerkstelligt werden (ZS-Tour).