Montag, 11. April 2011

Supercouloir und Sorensen-Eastman

Und wieder sind wir in Chamonix, in diesem wunderbaren Spielplatz für Bergsteiger. Diesmal mit Thomas "Banker's approach". Geplant sind zwei Gullies, das eine ein Ultraklassiker, das andere eine bei uns total unbekannte, aber nicht minder lohnende Tour. Am Anreisetag liegt natürlich nichts Grosses mehr drin, aber zum Glück liegt in unmittelbarer Nähe der Cosmique-Hütte das Chèré-Couloir, eine ideale Angewöhnungstour. Wir klettern die ersten drei Seillängen, wobei es schockierend ist zu sehen, wie stark diese Wand von Jahr zu Jahr an Eis verliert. Den ersten Stand liegt mittlerweile etwa drei Meter über dem Eis! Vor zwei Jahren konnte ich hier noch bequem die Bohrhaken einhängen. Zudem hat es in der ersten steilen Länge schon sehr viel Fels. Wenn es so weitergeht, ist hier bald ordentlich schwierige Mixed-Kletterei anstelle des Eis-Gepickles angesagt.
In der Cosmique-Hütte geniessen wir die unglaubliche Aussicht auf die Gletscher. Etwas Sorge bereiten uns die etwa dreissig anderen Bergsteiger. Hoffentlich greifen die nicht alle das Supercouloir an!
Am Samstagmorgen starten wir um viertel vor sechs. Das Kopfweh vom vollen, überheizten und ungelüfteten Zimmer hat sich glücklicherweise verfolgen. Abfahrt bis unter den Tacul, dann kurzer Aufstieg bis an den Bergschrund, wo wir um viertel vor sieben ankommen. Eine deutsche Seilschaft ist bereits am Einstieg der (ziemlich trockenen) Direktvariante. Wir nehmen den genüsslicheren Weg über den Gervasutti-Pfeiler. Im Bild eingezeichnet die Route. 
Der Bergschrund geht (anders als bei den Touren im Argentiere-Gebiet) wirklich problemlos. Am Fels wechseln wir von den Skischuhen zu den Kletterfinken. Das macht zwar den Rucksack schwerer, erleichtert aber die Kletterei enorm. Wir wählen den linken Einstieg: Zuerst drei Meter feingriffig (1 Nh) hoch, dann über Stufen bis zu einem (schlechten Stand) etwa 20 Meter über dem Boden. Thomas führt dann die zweite SL, um die Kante herum und in einem wunderschönen Riss etwa 30 Meter hoch. Der Granit ist fest, die Kletterei (etwa 5b) in der Sonne genüsslich. Stand an zwei Bh.
Jetzt kommt die Schlüssel-SL: Eine leicht ansteigende Traverse nach links zur Pfeilerkante. Links der Kante hat es eine steile Verschneidung. Eine grossgriffige Schuppe ist leider lose: Nervosität. Zum Glück hat es etwas weiter oben einen neuen Bohrhaken. Es geht in steiler, grossgriffiger Kletterei hoch, über eine weitere grosse Schuppe, bis man einen Nh links klinken kann. Jetzt kann man sehr fein nach links traversieren und erreicht einen Bh-Stand. Die Schwierigkeiten dieser SL liegen bei einem guten 5c. Die Strategie mit den Kletterfinken hat sich übrigens ausgezahlt, eine nachfolgende Seilschaft, die mit den schweren Schuhen klettert, verliert viel Zeit und kehrt schliesslich um.
Von hier steigt Thomas etwa dreissig Meter hoch, bis er einen Schlingenstand machen kann. Hier wechseln wir von den Schlappen zurück zu den Skischuhen, denn jetzt ist das Eis das dominierende Element!
Eine leichte Traverse auf einem Schneeband, dann erreichen wir das Couloir etwa um 10 Uhr. Die deutsche Seilschaft ist bereits weit oben, von der anderen Seilschaft, die den Direkteinstieg probiert, ist nichts zu sehen (die sind nämlich auch umgekehrt, wie wir später erfahren haben). 
Das Couloir ist eindrücklich und sehr anhaltend, wenn auch nicht allzu schwer. Die erste Seillänge etwa Wi3, die zweite etwa Wi3+. 
Und natürlich dieser wunderschöne Aus- und Tiefblick!
Die dritte SL checkt bei etwa Wi3 ein, danach folgen zwei ein bisschen einfachere (etwa Wi2+) Seillängen. Das Eis ist gut ausgehackt, zum Glück, denn es ist trotz der warmen Temperatur kalt und spröde. Im Bild im Hintergrund die Schlüssel-SL.
Als abschliessende Krönung folgt die oberste und gleichzeitig Schlüssel-SL. Wi5 ist im Vergleich zu den Wasserfällen bei uns wohl etwas zu hoch gegriffen, aber ja, es ist schon anhaltend 70-80°, mit einer etwa 6 Meter langen senkrechten Passage. Ich hätte jetzt etwa Wi4+ veranschlagt. Dank den Tritten und Hooks geht das prima, aber man spürt jetzt auch die Höhe!
Hier sieht man etwas die Steilheit der Seillänge. Und dazu die saugende Tiefe!
Dann erreiche ich den obersten Stand, um etwa 13 Uhr. Der Weiterweg zum Tacul wäre jetzt noch weit... Chapeau vor den beiden Deutschen, die weitergestiegen sind! Wir wählen den Easy way und seilen ab. Die Stände sind alle neu eingerichtet. Um 14:30 sind wir zurück am Einstieg. Hier nochmals die Tour im Überblick:
Mit den Skis fahren wir jetzt runter zur Requin-Hütte. Teilweise ist es eine Buckel-Piste, mit dem schweren Rucksack richtig ätzend! Beim Käse-Plättli lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren.

Facts:
Supercouloir, AS-, IV, Wi5, 5c, 400m.
Material: Eisschrauben, Klemmkeile, Friends. Kletterfinken lohnend!
Ein Extremklassiker, von der Linie her wohl einzigartig in den Alpen, ja weltweit (abgesehen natürlich vom 'grossen Bruder' am Fitz Roy). 
Topo vom Gervasutti-Einstieg:



Für den nächsten Tag haben wir ein Kontrastprogramm geplant, jedenfalls was die Bekanntheit der Tour angeht. Auf die Sorensen-Eastman am Col du Requin bin ich durch einen Blog mit tollen Bildern aufmerksam gemacht worden. Um viertel nach sechs laufen wir los, kurze Abfahrt, dann über die hart verfirnten Hänge, immer unter den Felsen des Dents du Requin hochsteigen. Nach etwa einer Stunde sieht man direkt in unsere Linie, die am Morgen für etwa eine Stunde in der Sonne steht:
Eine grossartige Szenerie! Und dazu die absolute Einsamkeit, was für ein Kontrast zu gestern.
Der Bergschrund lässt sich über eine (solide) Brücke überqueren, bald sind wir an der ersten Seillänge.
Diese ist grad schon mal spannend, auf etwa 6 Meter praktisch senkrecht, dünnes Eis, dazu etwas Fels, aber superweich und perfekt zu klettern. Wenn da nur nicht der Spindrift von oben wäre! Ich würde etwa M4- veranschlagen. Es folgt ein Schneecouloir, unterbrochen von einer weiteren kurzen Eis-Stelle Wi3. 
Dann eröffnet sich uns der Blick auf die beiden Schlüssel-Seillängen. Sieht absolut bombastisch aus! Und ist es auch. Thomas führt die erste Länge, die über ein Felsschild führt, etwa 80°. Das Eis ist gerade genug dick für die 13er Schrauben, und dazu perfekt weich, richtige Genusskletterei!
Blöderweise trifft mich genau im Moment des Fotografierens ein Spindrift, deshalb sind die weiteren Fotos etwas trüb geworden...
Die nächste Seillänge ist der Überhammer. Laut Führer Wi5+, gefühlt etwa Wi5-. Bestes Softeis, anhaltend 80°, in der eisgefüllten Verschneidung oben bis zu 90°. Dazu bestes Eis, genug dick zum Schrauben. 
Besonders faszinierend sind die grossen Schneepilze, die fast schon Himalaya-Atmosphäre geben.
Im oberen Teil wird die Kletterei markant einfacher, aber immer noch abwechslungsreich: Eine SL etwa Wi2, dann nochmals Wi2+, gefolgt von zwei SL bis etwa Wi3-, stellenweise dünnes Eis. 
Schliesslich erreichen wir den grossen Kessel kurz unter dem Col. Die letzte Seillänge schenken wir uns aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, laut einem älteren Eintrag ist die auch komplett trocken in diesem Jahr. Das Abseilen geht mehr oder weniger reibungslos, auch wenn die Stände ausschliesslich an Normalhaken sind und man sich deshalb etwas 'leichter' machen sollte beim Abseilen.
Um 15 Uhr sind wir zurück am Bergschrund. Jetzt heisst es pressieren, denn um 16 Uhr fährt die letzte Bahn in Montenvers. Über tiefe Sumpfhänge runter auf den Gletscher, diesen runter. Zuunterst müssen die Skis etwa 20 Minuten getragen werden. Es ist 16 Uhr! Shit, wir schaffens nicht! Zum Glück verspricht ein Lautsprecher, dass die letzte Telecabine um 16:15 fährt. Nochmals einen drauf geben und die etwa 100hm hochseckeln zur Bahn. Geschafft! Das Bier und der Salade à chevre chaude haben wir uns hart verdient!

Facts:
Col W du Requin, Sorensen-Eastman, SS+, IV, Wi5+.
Material: Eisschrauben (genug Kurze!). Kk und Friends zur Zeit nicht notwendig, kann sich aber von Jahr zu Jahr ändern. Evtl. Hammer um die Stände zu festigen.
Eine absolut grandiose Tour, die den Touren am Tacul in Nichts nachsteht. Düsteres Ambiente in grosser Abgeschiedenheit. Dank eingerichteten Abseilstellen aber nicht so ernsthaft, die der Grad IV vermuten liesse.

Sonntag, 27. März 2011

Eis im Argentiere-Becken

Seit meinem letzten Besuch vor mittlerweile drei Jahren stand das Argentiere-Becken ganz hoch auf meiner Wunschliste. Am Donnerstag war es dann soweit, Sophie und ich fahren schwer bepackt nach Argentiere und weiter mit der Seilbahn zur Grands Montets. Nach einem erstaunlich billigen Kafi fahren wir mit den Skis über den pistenähnlichen Gletscherhang auf den flachen Argentiere-Gletscher. Dann folgt ein kurzer Aufstieg zur Hütte, wo wir militärisch eingewiesen werden. Am Nachmittag wollten wir eigentlich die im Führer erwähnte 'Josephine Cascade' klettern, uns ist allerdings bis heute rätselhaft, wo es in "15 Gehminuten von der Hütte" Eis haben sollte. Egal, dafür nehmen wir uns Zeit, unsere für morgen geplante Route, die Schweizerführe an der Courtes, etwas näher zu inspizieren.
Sieht schon eindrücklich aus. Allerdings täuscht die Steilheit ein bisschen, weil man halt direkt von vorne in die Wand sieht. Auf der tollen Hüttenterrasse trinken wir uns etwas Mut an.


Am nächsten Morgen brechen wir um halb fünf auf. Kurze Abfahrt und dann Traverse an den Fuss der Courtes. Hier deponieren wir die Skis und steigen zu Fuss die etwa 200hm an den Bergschrund hoch, wo wir pünktlich zum Tagesanbruch ankommen. Das erste ernsthafte Hindernis ist der Bergschrund. Eine dünne Brücke führt zu einer etwa drei Meter hohen, senkrechten Wand aus zum Glück hartem Schnee. 
Ich verankere beide Cobras im harten Schnee und möchte gleich loslegen, als es passiert: Mit einem dumpfen Geräusch verabschiedet sich die Brücke und ich hänge an den Armen über dem Schrund! Mir gelingt es, die Füsse im Schnee zu platzieren und die Optionen durchzugehen: Entweder zurückspringen mit dem Risiko, die Pickel zu verlieren, oder halt Augen zu und durch. Ich entscheide mich für zweitere Option und vertraue auf Sophie, dass sie mit den Prusiks die jetzt durch einen etwa 1.5 Meter breiten Spalt abgetrennte Wand hochjümaren kann. Dank dem harten Schnee gelange ich recht einfach in den Schneehang und kann nach etwa 50 Meter einen guten Stand an einem Zacken einrichten. Bald ist Sophie bei mir, jetzt kann es losgehen. Die Psyche jedenfalls ist auf Arbeitstemperatur.
Eine zweite SL führt an den Beginn des steilen Teils. 
Sophie macht Stand an zwei Schrauben. Jetzt gehts richtig los. Eine lange SL führt über mehrere, etwa 65° steile Abschnitte in bestem Styroporschnee. Herrlich, bei diesen Verhältnissen hier klettern zu können. Einziges Manko: Meist hat es zuwenig Eis, um auch die kurzen Schrauben ganz reindrehen zu können. Nach etwa 50 Meter mache ich Stand an einer bereits vorhanden Reepschnur um einen Block.
Eine weitere lange (etwa 70 Meter), etwa 55° steile Länge führt an die erste Steilrinne, die Schlüsselstelle der Tour. Diese präsentiert sich ausgehackt und mit wunderbar griffigem Eis. Die Steilheit ist etwa 75°, aber dank den vielen Tritten klettert es sich mühelos. Hier hat es auch genug Eis für ab und zu mal eine Schraube. Einzig der Spindrift von der vorangehenden Seilschaft nervt im Vorstieg.
Nach 60 Meter mache ich Stand an zwei Schrauben. Von hier sind es noch wenige Meter auf das grosse Schneefeld, das den unteren vom oberen Steilaufschwung trennt. Sophie stapft das Schneefeld hoch und macht Stand an einem guten Zacken. 
Hier sieht man den zweiten Steilaufschwung mit der vorankletternden polnischen Seilschaft.
Die nächste Seillänge ist mit etwa 65° immer noch ordentlich steil, und dank dem anhaltend guten Styroporschnee auch exzellent zu klettern. Nur bleibt das Eis auch weiterhin meist zu dünn zum Sichern. Stand nach etwa 50 Meter an einem guten Zacken. 
Es folgt eine weitere Seillänge mit ähnlichem Charakter, ebenfalls etwa 60 Meter lang und bis zu 60° steil. Sophie macht Stand an einem Zacken.
Das Gelände wird jetzt zunehmend felsiger. Man steigt jetzt leicht linksquerend an und geht dann parallel zur Felsrippe links. Stand wiederum nach 55 Meter an Zacken. Jetzt kommt eine weitere  spektakuläre Länge: Sophie klettert im Eis etwa 25 Meter hoch bis unter die Felsbastion, und von hier über ein schmales Gesimse auf die Felsrippe links. Die Mixedkletterei ist leicht (etwa M2) und dank dem guten Eis wirklich geniessbar!
Hier die Mixedstelle von oben im Nachstieg:
Jetzt sind wir im grossen Gipfel-Schneefeld. In weiterhin gutem Schnee klettern wir parallel den gut 50° steilen Schneehang hoch bis auf den Grat. Hier sind wir nach etwa sechs Stunden Kletterzeit endlich in der Sonne!
Allerdings ist die Tour noch lange nicht fertig. Im Gegenteil. Der Grat präsentiert sich blankgefegt, und deshalb sichern wir die etwa 200 Meter bis auf den Vorgipfel. Hier kann man zum ersten Mal auf einer flachen Stelle relaxen! 
Nach etwa einer halben Stunde gehen wir über den Schneegrat auf den Hauptgipfel und von hier unverzüglich über den Ostgrat runter bis in den Sattel. Der Grat ist nicht schwierig, aber ausgesetzt. Hochtouren vom Feinsten!
Und jetzt folgt noch das dicke Ende der Tour: Der ätzende Abstieg über die etwa 700hm hohe NE-Wand! Der Schnee ist ein Tick zu hart, um mit gutem Gefühl voraus runter zu gehen, also bleibt noch das mühselige Rückwärts-Runterstapfen. Aber alles in allem sind auch hier die Verhältnisse sehr gut, denn wenn diese Flanke blank ist, wird es noch viel mühsamer. Nach etwa einer Stunde sind wir unten, und queren zurück zu den Skis. Um viertel nach fünf Uhr erreichen wir ausgelaugt die Hütte. 
Hier noch die Route im Überblick:


Facts:
Les Courtes, "Schweizerführe", SS-, Wi3, 75°, 800hm.
Zeit laut Rother 8 Stunden vom Einstieg auf den Gipfel, was sicher realistisch ist. Für den Abstieg nochmals etwa zwei Stunden einplanen. 
Unseres Erachtens nach ist es bei dieser Route extrem wichtig, dass man gute Verhältnisse abwartet. Dies, weil die Kletterei zwar einfach ist, sich aber eher schlecht absichern lässt. Ist die Route blank, wird aus dem Vergnügen schnell der blanke Hass. Dies habe ich auf mehreren älteren Blogs aus anderen Jahren gelesen.
Material: Bei den jetzigen Verhältnissen reichen etwa 8 Schrauben, davon möglichst viele kurze. Zudem genug Schlingen für Zackensicherungen. Friends und Keile nicht notwendig.




Für den Samstag haben wir noch etwas leichter Verdauliches geplant, und zwar die "Petit Viking" an der Pointe Domino. Wir starten wiederum um halb fünf, um so sicher die ersten in diesem engen Schlauch zu sein. Blöderweise sehen wir weit vor uns bereits Taschenlampen. Allerdings haben wir am Bergschrund, den wir um etwa 6:30 erreichen, die anderen doch bereits eingeholt.


Und wie bereits gestern lauern die eigentlichen Herausforderungen im Bergschrund. Der hier ist einfach riesig und lässt sich einzig bei der Felsbastion links der Route überwinden. Es sieht wie eine popelige, etwa 8 Meter hohe Stufe aus:
Aber eben, es entpuppt sich als so ziemlich das Gegenteil: Der Fels ist plattig, die Placements mickrig, die Tritte abschüssig, und der einzige vorhandene Schlaghaken in drei Meter Höhe wacklig. So wacklig jedenfalls, dass er einen Sturz wohl kaum halten würde, aber immerhin für eine Trittschlinge reicht. Der Schneewulst auf der rechten Seite, den es zu erklimmen gilt, besteht überdies aus total kohäsionslosem Schnee, in dem die Pickel keinen Halt finden. Da mir das ganze ein Tick zu psycho ist, schlage ich einen weiteren Normalhaken einen Meter weiter oben, der es mir erlaubt, eine weitere Trittschlinge zu verwenden. So gelingt es mir, mich auf den Schneewulst zu robben und mich mit den Ellbogen hochzustemmen. Ich mache Stand an einer Schlinge und sichere Sophie nach.
Der Rest der Tour ist im Vergleich hierzu wirklich 'schoggi' und schnell beschrieben: Über einen Schneehang gelangt man zum Einstieg der eigentlichen Rinne:
Der erste Teil der Rinne besteht aus zwei etwa 50m SL, durchschnittlich etwa 75°, schönes, weiches und vor allem genügend dickes Eis. Es hat mehrere eingerichtete Stände an Schlaghaken. Es folgt dann eine kurze leichtere Passage, bevor es im gleichen Stil weitergeht. Hier der Blick auf den oberen Teil der Rinne:
Im oberen Teil kommt zuerst eine kürzere SL mit etwa 70°, hier unbedingt vor dem markanten Links-Knick der Rinne den Stand linkerhand nehmen, weil dann 50 Meter lang kein Stand mehr kommt. Die letzte SL ist die Beste, nochmals etwa 75°, mit Stellen bis zu 80°, und das in perfektem Eis:
Das obere Schneefeld bis zum Grat schenken wir uns, weil uns die vergangenen Tage eh schon in den Knochen sitzen und das Bier wartet. Das Abseilen geht problemlos, und nach einer guten halben Stunde sind wir zurück am Einstieg. Jetzt die Skis anschnallen, und über den Gletscher und die Skipiste zurück nach Argentiere, wo wir auch gleich den Zug zurück nach Hause erwischen.


Facts:
Pointe Domino, "Petit Viking", Wi4, 80°. 
Die Schlüsselstelle der Tour ist zur Zeit der Bergschrund. Ich fand die Mixed-Kletterei richtig eklig schwer, wohl so im Bereich M5, mit höchst zweifelhafter Absicherung. Mit Trittschlingen liegt sie wohl so im Bereich A1. 
Material: Für den Bergschrund lohnen sich kleinere Keile (Grössen 1-3) und eventuell Schlaghaken, dazu ein Hammer, um die vorhandenen Haken zu festigen. Für die Rinne selber reichen etwa acht Eisschrauben, vor allem Kürzere.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Black Nova (Zwei Tage Kandersteg)

Der jährliche zweitägige Ausflug nach Kandersteg mit Peter ist eine gute Tradition, auf die man ungerne verzichtet. Auch wenn dieses Jahr die Vorzeichen nicht ideal sind - einerseits mein lädierter Kiefer (no comment), andererseits die viel zu warmen Temperaturen. Ob da wohl was geht?
Jedenfalls wollen wir es trotz allem versuchen, und so stehen wir am Montag kurz nach 12 Uhr unter der Öschiwand. Unsere Rechnung, auszuschlafen und erst am Mittag einzusteigen, scheint insofern aufzugehen, als dass es tatsächlich kaum mehr Leute hatte im Eis (für Kandersteger Verhältnisse). Allerdings haben wir den warmen Wind nicht so direkt eingeplant, der die Temperaturen am Eis auf schweisstreibende +8° aufheizte. Kann ja heiter werden... 
Trotzdem steigen wir guten Mutes in den Pingu Wi5+ ein. Ich steige die erste Seillänge nach, im Nacken zwei Polen, die sich offensichtlich gerne mit Eis bewerfen lassen. Plötzlich rumpelt es, und in hohem Bogen schiessen ein paar Steine und Eisbrocken über den Fall. Offensichtlich schwitzen die Zapfen über uns...


Peter übernimmt dann die dritte SL
Als ich im Nachstieg am Stand angekommen bin und einen Blick in die wasserüberströmten, riesigen Blumenkohle über mir werfe, beschliessen wir beide, es für dieses Mal sein zu lassen.


Dreimal abseilen, dann sind wir zurück am Einstieg. Was jetzt? Bier oder doch nochmals Eis? Gut, geben wir noch einen Go in der "Namenlosen", ein "Genussklassiker". Kann ja nichts schief gehen. Die erste SL, laut Topo die schwierigste Länge, ist total zerhackt, aber immerhin trocken. Zur Sache geht es dann in der dritten Seillänge. Laut Topo 80°, gefühlte 90°, mit lustigen, überhängenden Blumenkohlen, dann ein paar Meter Grümschelieis, halt alles was so Laune macht. 
Jedenfalls gabs dann doch noch einen erfüllten Klettertag. Hier noch die gefühlte Schlüssel-Seillänge beim Abseilen:




Der Plan für die morgige Tour war insofern klar, das wir nicht noch einmal einen Abschiffer in einer Öschiwald-Route machen wollten. Von der in einer Schlucht gelegenen Black Nova erhoffen wir uns kältere Temperaturen, denn die steilen Felswände sollten eigentlich den Wind abhalten.
Um viertel nach 7 laufen wir in Eggerschwand los. Bange analysieren wir die Fussspuren auf dem Weg vor uns, stellen erleichtert fest, dass die einzigen wirklich frischen Spuren sowohl auf- als auch abwärts gehen, das also keine anderen Pickler vor uns sind. Nach einer halben Stunde sieht man zum ersten Mal so richtig schön in die Wand. 

Schon ein wildes Teil. Was für ein Kontrast zur netten Wand im Öschiwald! Dort sieht man quasi direkt in die Kaffeetasse in der Beiz, hier hat man kaum Handyempfang. Nach einer Stunde erreichen wir den Einstieg. 
Erste Erleichterung: Wir sind tatsächlich alleine! Zweite Erleichterung: Tatsächlich kaum Wind in der Schlucht, und angenehme gefühlte 0°. Aber irgendwie schlägt das düstere Ambiente auf die Psyche. Kurzer Panikschub, als so ein idiotischer Militärjet seine Runden über dem Tal dreht, in der Schlucht dröhnt es, als ob die Kaskade über uns kollabiert sei. Ich bin froh, dass Peter die Ouvertüre macht - eine anhaltend steile, unstrukturierte Wand mit etwa 80°.
Mann, schraubt der heute grosse Abstände, denke ich im Nachstieg. Kann ja heiter werden. Die zweite SL ist Nasenwasser im Vergleich, ein toller Goulotte in bester Chamonix-Tradition, kaum ein Meter breit, etwa 60° steil. Einfach dass hier im ausgewaschenen, plattigen Fels gar nichts gehen würde, wenn es kein Eis hätte.
Dann endlich sieht man die riesige Kaskade, versteckt hinter gigantischen Felswänden. Wirklich, wirklich scary... fast ehrwürdig schreiten wir wie zwei Opferlämmer zum Altar.
Als nächste Prüfung wartet eine hauchdünne Eisglasur auf Peter. Im Bild im Führer sah es eher nach einem fett gewachsenen Flachstück aus. Wie dem auch sei, stürzen sollte man hier sowieso nicht, da spielt es auch keine Rolle dass man auf den ersten zehn Meter höchstens eine 2cm-Schraube reindrehen könnte. Weiter oben kann man immerhin die 10er-Schraube etwa zwei Drittel reindrehen. Ansonsten ist es aber super Kletterei in perfektem Softeis.
Laut Topo geht es bis unter den Felsüberhang (im Bild oben über der linkesten Säule). Peter krepiert allerdings schier ob des Seilzuges, und macht drum schon an der Säulenbasis Stand. Ich führe dann die etwa 15 Meter bis an den eigentlichen Stand (3 Bh). 
Tja, und jetzt ist es eben an mir, die eigentliche Säule zu meistern. Immerhin habe ich nach dem Kaltstart mittlerweise meinen Rhythmus wieder gefunden. Vorsichtig traversiere ich nach rechts, um mir mal einen Überblick zu verschaffen - und meine Nackenhaare sträuben sich. Scheinbar unendlich hoch türmen sich riesige Blumenkohle über mir auf. Nix von Kompakteis, wo man einfach nach dem Links-Rechts-Beine hoch-Schema arbeiten kann. Vorsichtig den Kobra in ein Blumenkohl geschlagen (wobei man dann leicht überhängend steht), eindrehen, Körperspannung, hoch stehen, und schon ist das Teil gemeistert. Passt doch super! Das mulmige Gefühl schlägt in Euphorie um. Ein zweiter Balkon, dann ein dritter, anhaltend 90°! Immer wieder bouldrige Züge, dazwischen enspanntes Ausruhen und Schrauben auf den teilweise bis zu 50cm ausladenden Balkonen. Und die Pickel greifen genial im weichen Eis. Allerdings sehe ich nirgendwo den Stand, der nach 25 Metern kommen sollte. Na wie dem auch sei, als sich der Fall nach etwa 40 Meter etwas zurücklehnt und das Eis kompakter und glatter wird, mache ich einen Schraubenstand und sichere Peter nach. 
Auf den nächsten 25 Meter folgt nochmals etwas weniger geschmeidiges Grümschelieis, mit dem sich Peter herumschlagen muss. Ich kann am Stand relaxen. 
Oben dann folgen nochmals ein paar Meter Schnee und eine kurze Steilstufe von 75°, die aber im Topo nicht mehr vermerkt sind. Als ich mir den Pickel etwas unglücklich im Gesicht platziere, ist Zeit zum Umkehren. Der Hüttenkafi in der Balmhornhütte kann man sich auch ein anderes Mal genehmigen (laut Insiderinformationen läuft übrigens das Hüttenklo direkt in besagte Schlucht...).
Das Abseilen (oben Sanduhrschlingen, unten Bohrhakenstände) verläuft reibungslos, bis auf ein eingefrorenes Seil beim Abziehen. Was zeigt, dass die Temperatur in der Schlucht auch am Nachmittag kaum über Null Grad gestiegen ist. Super!
Dann noch ein Märschli zurück nach Eggerschwand, ideal, um auszuspannen und den Adrenalinspiegel wieder auf einen gesellschaftstauglichen Wert zu senken.




Facts:
"Black Nova", Wi5+ (im neuen Führer Wi5), etwa 35 Meter 90°, danach nochmals 50 Meter 80-90°. 
Material: Übliches Eiskletterzeugs. 
Zeit: Wir haben etwa viereinhalb Stunden reine Kletterzeit gebraucht. Zusammen mit dem Zustieg, Abstieg und relaxtem Heimfahren im Zug schon ein ausgefüllter Tag.