Sonntag, 14. August 2011

Rotbrättgrat auf die Jungfrau

Die meisten Touren, die ich bisher gemacht habe, würde ich ohne zu zögern noch einmal machen - dies gilt insbesondere für die Touren in meinem Blog. Aber dies gilt ganz sicher nicht für den Rotbrättgrat. Im Gegenteil, diese Unternehmung fällt eher in die Kategorie "zum Glück ist nichts passiert". 
Tatsache ist, dass man über den Rotbrättgrat, den NW-Grat auf die Jungfrau, sozusagen keine wertenden Infos findet. Und da ich grundsätzlich ein Faible habe für wilde, wenig begangene Unternehmungen, lag es nahe, dass ich da mal einsteigen möchte. Zuerst aber muss man sich die 1700hm in die Silberhornhütte 'verdienen'. Hier Thömel in ansprechendem T5 Gelände. Die Geissen sind übrigens total geil auf Salz und schlecken einem die Beine ab beim Wandern.
Kurz vor der Hütte betritt man die "Strählblatti", riesige Kalkplattenschüsse. Was uns jetzt staunen lässt, kann sich bei Neuschnee schnell in einen Alptraum verwandeln.
Nach etwa viereinhalb Stunden erreichen wir die Hütte. Die Landschaft ist wirklich sehr urtümlich und wild, und man fühlt sich fast etwas alleine auf diese Welt - in welcher anderen Hütte kommt das noch vor?
Wir nutzen die Zeit noch für eine kurze Reko-Tour. Zudem quere ich noch unter dem Rotbrätt durch, um einen Augenschein in der Sportkletterroute "Fätze und Bitze" zu nehmen. Sieht schon recht geil aus, sehr steil, die erste Seillänge scheint auch ordentlich abgesichert zu sein. Aber wer nimmt schon 1700hm Zustieg für 11 Seillängen auf sich... eigentlich schade. Laut Hüttenbuch wurde die Route in den letzten vier Jahren immerhin einmal begangen.
Den Abend verbringen wir jassend mit den beiden anderen Türelern, die sich den Silberhorn NW-Grat für morgen vorgenommen haben.


Am nächsten Morgen starten wir um 4:40. Unserer Berechnung zufolge haben wir ab etwa halb sechs Uhr Tageslicht, und dann sollten wir auch den Beginn der Kletterei erreicht haben. Im Schein der Taschenlampe kraxeln wir über die "dachziegelartigen Felsen" (sagt schon alles...) und gelangen ans erste Schneefeld. Das Geröllfeld ist extrem ätzend, wir traversieren im Schnee und gelangen so an die Felsen. Hier wird das Gelände steiler, man kraxelt über mässig stabile, schuttbedeckte Blöcke. Bald sehen wir ein Steinmännli und gelangen auch schon zur ersten kritischen Abzweigung, einem Felscouloir. Hier nicht nach links gehen, auch wenn es verlockend aussieht! Vielmehr quert man über nasse Felsen das Couloir und gelangt so in leichtes Schuttgelände mit mehr Steinmännchen. Jetzt geht es ziemlich gerade hoch, teilweise hat es kurze Kletterpassagen im zweiten Grad, nie schwierig, nie fest, nie absicherbar, immer etwas heikel. Irgendwann erreichen wir dann das zweite Schneefeld und steigen an dessem rechten Rand hoch. Auch wenn man es kaum glaubt, aber das Gelände wird eher noch blöder: Hier ist der Schutt teilweise gefroren, auch sind einige Tritte vereist, man muss wirklich pausenlos verdammt gut aufpassen. Und endlich kommt sie in Sicht, die Kette! 
Bei einem genaueren Augenschein läuft es mir aber kalt den Rücken runter: Mehrere Verankerungen der Kette sind ausgerissen! Und daran soll man sich hochziehen? Ich gebe meine Freikletterambitionen allerdings schnell aus, brüchiger, teils eisüberzogener Fels...
Zudem ist es auch erstaunlich steil, ich denke mal die Kletterei würde im trockenen Zustand durchaus bei einem Fünfer einchecken. 
Nach der Kette folgt nochmals eine kurze, etwas heikle Stufe, dann erreichen wir das Schuttband. Mittlerweile ist es etwa halb sieben. Das untere Bild ist repräsentativ für die 'Qualität' der Kletterei.
Das Schuttband ist nicht ganz so schlimm wie befürchtet und lässt sich problemlos leicht absteigend traversieren. Bald gelangen wir zum 'breiten Riss'. Und hier - man glaubt es kaum - kommt sogar so was wie Kletterfreude auf. Auf tiefem Niveau natürlich, aber immerhin hat hier der Fels ausnahmsweise mal nicht die Konsistenz von Lego. Die Schwierigkeit ist so im unteren dritten Grad, man kann's mit Klemmkeilen absichern.
Nach etwa 40 Meter erreiche ich den Grat und kann zum ersten Mal eine solide Zackenschlinge als Stand zum Nachsichern einsetzen!
Wenn man allerdings meint, dass jetzt ein Plaisirgrätchen kommt - weit gefehlt. Der Fels bleibt ungünstig geschichtet und - natürlich - brüchig bis zum Geht-nicht-mehr.
Komischerweise sind die beiden Sicherungsstangen im Bild oben just an der leichtesten und (noch) solidesten Stelle. Weiter oben folgt eine weitere heikle Passage im 2. Grad, wo Stürzen ein No-Go ist. Wobei wir vielleicht auch nicht den optimalsten Weg gefunden haben.
Oben flacht dann der Grat ab und wir gelangen zum berüchtigten 'Fellenbergflieli'. Hier mussten die Erstbegeher aufgeben. Heutzutage hängt ein dickes Tau über die etwa 6 Meter hohe Felsstufe. Ob die Kletterei auch frei geht? 
Sie geht! Und sie ist sogar noch ganz hübsch zu klettern (nach dem Riss die zweite nicht-ganz-so-brüchige Stelle). Laut Führer ein Vierer, ich hätte jetzt eher einen unteren Fünfer veranschlagt. Eigentlich schade dass hier ein Seil hängt, viel besser fände ich ein paar Bohrhaken, so dass man auch wirklich klettern muss! 
Der Grat wird jetzt etwas leichter und - ironischerweise - auch etwas fester, und geht dann in Firn über. Bin nicht unglücklich, auf die Steigeisen wechseln zu dürfen.
Die nächste Schlüsselpassage ist der Aufstieg zum Goldenhorn. Dank den super Schneeverhältnissen geht das perfekt, der Hang ist etwas über 45° steil und lässt sich perfekt gehen. Um etwa 8:30 erreichen wir das Goldenhorn und bald darauf über leichte Schneehänge das Silberhorn. Ein schöner Aussichtspunkt in einer eindrücklichen Hochgebirgslandschaft.
Jetzt ist aber die Tour noch nicht fertig, wie ein Blick auf das folgende Gneisgrätli zeigt. Es verspricht vielmehr abwechslungsreiche Kletterei im Firn und Fels.
Aber, zu unserer beider Freude ist der Fels hier fest! Was für eine Erlösung. Es liegt recht viel Schnee, wir klettern alles mit Steigeisen. 
Zuerst steigt man etwa 70 Meter zur 'Silberlücke' ab, danach folgt ein grimmig aussehender, aber links gut zu überkletternden Gendarm.
Nach etwa einer Stunde haben wir bereits das Ende des Gneisgrates erreicht und stehen auf dem Hochfirn. Ab jetzt ist der Gipfelanstieg ein 'No-brainer'. Dafür hat man etwas Musse, die tolle Aussicht auf die Nordwände im Lauterbrunnental zu geniessen und die steilen Wände nach Gullies abzusuchen.
Schlussendlich wird es dann doch noch ziemlich zäh, bis wir endlich um viertel nach elf, nach gut sechseinhalb Stunden Aufstieg, auf der Jungfrau stehen!
Der Abstieg über die Südflanke vollzieht sich ohne grössere Probleme, dafür mit einigem Staunen über Alpintechniken, zum Beispiel hier 'Seilbähnliland Schweiz'.
Vom Rottalsattel steigen wir direkt ab, was zur Zeit super geht. Allerdings hat es eine gigantische Rutschbahn eines wohl kürzlich abgebrochenen Seracs. Da gibt es doch tatsächlich Zeitgenossen, die die riesigen Eisbrocken so schön finden, dass sie inmitten dieser Blöcke einen Rast machen! 
Nach etwas mehr als anderthalb Stunden sind wir bereits im Jungfraujoch und können in der Abfahrt nochmals unsere Route bestaunen. 


Facts: Jungfrau, Rotbrättgrat, S+.
Eine wilde Bergfahrt in erschreckend brüchigem Gestein. Man muss den Hinweis im Führer bezüglich Neuschnee oder Vereisung unbedingt ernst nehmen, das Gelände ist schon im trocken Zustand heikel, die ausnahmslos abwärts geschichteten Felsen lassen sich bei Neuschnee wohl kaum klettern. Zudem ist die Steinschlaggefahr durch andere Tourengänger sehr hoch, da sich der Aufstieg meist in der Falllinie vollzieht.
Material: 40 Meter Seil ist ideal, ein paar Klemmkeile zur Absicherung (Zackenschlingen lassen sich kaum einsetzen). Allenfalls könnte ein Hammer + ein paar Schlaghaken gute Dienste leisten.


Hier noch den unteren Teil der Route im Detail:
1. Abzweigung Couloir nach rechts
2. Kette
3. Breiter Riss

Montag, 1. August 2011

Biancograt und Palü-Überschreitung

Für Corina als waschechte Bündnerin ist der Biancograt am Piz Bernina natürlich mehr als nur ein Grat - es ist wohl DER Inbegriff vom Bergsteigen schlechthin. Und so steht das Tourenziel für dieses Wochenende schon fest - wohl wissend das wir nicht die Einzigen mit diesem Plan sein werden.
Der Anfang ist gemächlich, mit der Rosskutsche gondeln wir ins Val Roseg.
Nachdem wir uns am Dessertbuffet im Hotel Val Roseg verlustiert haben, steigen wir in die Hütte auf - nicht ohne kräftig geduscht zu werden auf den letzten Metern. Aber wir haben Vertrauen in den Wetterbericht, der für morgen gutes Wetter verheisst.
Sonntagmorgen, 3:20. Mit etwa 50 anderen Leuten packen wir unser Zeugs und starten. Der Weg ist gut mit Reflektoren markiert, was auch nötig ist, er zieht sich einer recht ätzenden Schrofenflanke entlang, die Wegfindung wäre sehr anspruchsvoll. Aber eben, wir sind ja nicht alleine...
Nach etwa einer Stunde gelangen wir kurz auf den Schnee, dann geht es nochmals etwa eine Viertelstunde über leichte Felsplatten, schliesslich erreichen wir den Schneehang unter der Fuorcla Prievlusa.
Aufgrund der super Schneeverhältnissen entscheiden wir uns für den Direktaufstieg zum Pass. Zum Glück hat sich das Feld mittlerweile etwas verzogen. Wir steigen in super Trittschnee den ordentlich steilen Schneehang (~45°) zum Pass hoch. Dort begrüsst uns die Sonne.
Der weitere Aufstieg präsentiert sich tief verschneit. Ist bei dem Bruchfels aber eher von Vorteil. 
Über verschneite Bänder und Couloirs gewinnen wir schnell an Höhe. Wir lassen es aber gemütlich angehen und lassen eine schnelle Gruppe überholen. Überhaupt war ich überrascht vom allgemein erfreulich hohen Niveau am Berg, wirklichen Stau hat es im Aufstieg nirgends gegeben. Liegt aber sicher auch daran, das bei praktisch allen Partien mindestens ein Bergführer dabei ist - sicherlich keine schlechte Idee bei dieser Tour! Bald kommt der ästhetische Höhepunkt der Tour, der Biancograt, zum Vorschein.
Den im Bild sichtbaren Felsaufschwung umgeht man rechts im leichten Firn und gelangt so an den Fuss des Firngrates.
Der Firngrat präsentiert sich - wie erhofft - in tadellosem Zustand. Super Trittschnee mit einer guten Spur. So macht das Hochsteigen Spass, und wir gelangen in knappen anderthalb Stunden auf den Piz Bianco, dem Vorgipfel.
Jetzt ist aber fertig lustig! Die Kehrseite vom guten Trittschnee auf dem Eisgrat ist der Trittschnee auf dem Fels. Und der lässt den Grat wahrlich garstig aussehen!
Aber im Bergsteigen ist es wie im richtigen Leben: Wenn es auch aus der Ferne unüberwindbar aussieht, so ist doch jeder einzelne Schritt gut machbar. Meistens im Firn, stellenweise im Fels, überklettert man den ersten Gratabschnitt. Aber ausgesetzt ist es!
Ein wirklich sehr steiler Firnhang mit perfekter Spur führt zur ersten Abseilstelle.
Von der Abseilstelle lassen wir uns gegenseitig etwa 15 Meter hinunter. Von hier steigt man im Schnee auf den markanten Zahn, wobei die letzten 10 Meter ordentlich steil sind (> 50°), fast schon Gully-mässig. Aber immer mit perfekten Tritten.
Nach einer zweiten kurzen Abseilstelle (10 Meter) gelangt man zum letzten Aufschwung (siehe im obigen Bild hinten). Wie so oft täuscht die Steilheit, man kann gut parallel hochsteigen, die Steilheit liegt bei etwa 45°.
Nach einem kurzen ebenen Gratstück stehen wir um 10:45 auf dem Gipfel. Für das letzte Gratstück haben wir doch zwei Stunden gebraucht, bei trockenem Fels wäre man wohl noch ein Tick schneller. Da wir heute nur noch in die Marco e Rosa-Hütte müssen, nehmen wirs gemütlich und geniessen das sonnige, windstille Wetter auf dem Gipfel. Aber irgendwann müssen wir runter...
Der Schnee ist mittlerweile etwas weich geworden. Über einen stellenweise schmalen, aber leichten Firngrat gelangen wir zur Abseilstelle. Leider tummeln sich auf dem Normalweg auf den Bernina aber allerlei zwielichtige Gestalten - wir beobachten innert einer Viertelstunde zuerst einen Fastabsturz eines Tschechen, der sein Abseilgerät? nicht beherrscht, und danach einen 20 Meter-Abrutscher eines Italieners, der mehr zufällig von seiner Seilpartnerin gehalten wird. Da verschlägt es sogar dem Bergführer, der zeitgleich mit uns absteigt, die Sprache... Ach ja, noch ein Wort zur Abseilstelle: Es sind insgesamt etwa 30 Meter, es hat aber mehrere Zwischenstände, so das man problemlos mit einem 30 Meter Einfachseil durchkommt. 
Mit der Warterei zieht sich der Abstieg in die Länge, aber kurz vor 14 Uhr erreichen wir die Hütte und das kühle Bier.


Facts:
Piz Bernina, Biancograt (N-Grat), ZS, 7-10 Stunden von Hütte zu Hütte, je nach Verkehrsaufkommen auch mehr.
Absolut lohnende Tour, die ihrem Ruf durchaus gerecht wird. In ihrer Länge nicht zu unterschätzen, im oberen Felsgrat ist zudem effiziente Sicherungstechnik und Trittsicherheit wichtig. Im Zweifelsfall lohnt es sich wohl, einen Bergführer zu nehmen.
Material: Tourenpickel, Helm, Zackenschlingen, Abseilgerät.


Am nächsten Tag machen wir die Palü-Überschreitung, ideal zur aktiven Regeneration, und landschaftlich absolut lohnend. Wir starten um sechs Uhr.
Von der Hütte gelangt man in anderthalb Stunden zur Fuorcla Bellavista, wo der Spinasgrat auf den Palü-Westgipfel ansetzt.
Der Grat selber besteht aus wirklich gutem Fels (was man vom Biancograt nicht gerade behaupten kann), und ist gutmütig zu kraxeln. Allerdings sind die Felsen etwas überzuckert vom Schneefall von gestern Abend.
Und auch hier hat es ein paar ausgesetzte Passagen, dank der guten Spur aber immer im grünen Bereich.
Nach einer Stunde sind wir auf dem Hauptgipfel, nach einer weiteren halben Stunde auf dem Ostgipfel. 
Von hier führt die Spur zuerst über einen kurzen Firngrat, danach einen steileren Hang (40°) auf eine Terrasse, und dann über ein paar eindrückliche Spalten bis unter die NW-Flanke des Piz Cambrena (da hat es übrigens eine tolle Eisrinne, die sogar noch jetzt, anfangs August, super ausgesehen hat!). Um halb 12 sitzen wir beim grossen Weizen auf der Diavolezza!


Facts
Palü-Überschreitung, WS.
Wohl einer der besten Hochtouren in diesem Schwierigkeitsgrad - ästhetisch, abwechslungsreich, nie mühsam. 
Material: Übliches Hochtourenzeugs, Gletschermaterial. Friends und Keile nur für diejenigen, die glauben, mit dem Zeugs am Gurt angeben zu müssen.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Grépon Mer de Glace

Der Grépon ist einer der bekanntesten Gipfel in den Aiguilles de Chamonix. Auf diesen mächtigen Brocken führt eine der längsten klassischen Klettertouren im Mont Blanc Gebiet, die sogenannte "Grépon Mer de Glace". Diese Unternehmung ist das Ziel dieses Chamonix-Trips - von den Schwierigkeiten eher auf mich zugeschnitten als die Zyland in den Wenden, welche ich mit Marcel am vergangenen Samstag gemacht hatte. Ursprünglich wollten wir eigentlich den Ryan-Grat attackieren, aber die Risse haben uns etwas abgeschreckt. Die Grépon Mer de Glace verspricht hier mehr Plaisir.
Am Montag gibt es zuerst einmal einen verregneten Hüttenaufstieg ins Refuge Envers des Aiguilles. Die Hütte ist leicht vergammelt, alles ist feucht und trocknet auch nicht richtig. Ob das wohl was wird morgen?
Um 4 Uhr gehts los. Über ein schuttiges Couloir auf den Gletscher, dann in etwa dreiviertel Stunden an den Einstieg. Ein erster Bergschrund kann unschwierig überwunden werden. Die Spuren führen zu einer steilen Rissreihe, die im Halbdunkel ziemlich gruselig wirken. Wir steigen deshalb noch etwa 20 Meter höher und queren in steilem Firn zum Fels. Jetzt können wir  unschwierig das obere Ende der Rissreihe erreichen. Diese Variante geht aber nur noch ein paar Tage, weil die Schneebrücke nicht mehr so dick ist.
Über glatte Platten klettern wir hoch, immer noch in den schweren Schuhen. Noch habe ich den Rhythmus nicht gefunden, und eine französische Seilschaft vor uns rennt uns davon... sind wir wirklich so langsam? Bald folgt eine erste schwierige Kletterstelle, ein steiler Riss. Mir wird die wackelige Kletterei zu blöd, wechsle zu den Finken. Eine gute Entscheidung, jetzt läufts flüssiger, auch wenn der Rucksack etwas schwerer ist. 
Etwa um sechs Uhr erreichen wir die grosse Rinne, welche sich vom Grépon herunterzieht. Die Sonne kommt, ein herrliches Gefühl, in diesem Meer aus Granit zu klettern.
Grépon Mer des Fleurs.
Die klettertechnischen Schwierigkeiten im unteren Teil sind mässig und nur kurz. Herausfordernder ist die Wegfindung. Besonders berüchtigt ist die Abseilstelle, welche schon viele Seilschaften verfehlt haben. Im Piola-Führer steht etwas von einem "squat red block":
Man quert hinter dem Block, nach ein paar Metern folgt ein kleines Sekundär-Couloir. Dieses traversierend gelangt man auf Platten, die man leicht ansteigend nach links überquert. Um eine Kante herum, und schon sieht man den Abseilstand!
Nach dem Abseilen befindet man sich auf dem mächtigen Pfeiler, der sich vom Hauptgipfel direkt herunterzieht. Auf diesem Pfeiler vollzieht sich die weitere Kletterei. Nächstes "Landmark" ist die "Niche des Amis". In etlichen Seillängen, die wir meist parallel klettern, geht es in perfektem, steilem Granit hoch, meistens im 2. und 3. Schwierigkeitsgrad. 
Etwa um 9:30 erreichen wir endlich eine Plattform, die wir als "Niche des Amis" identifizieren. Ab hier wird die Kletterei etwas schwieriger, wir beginnen mit Standsicherungen. Ein Riss führt 12 Meter nach oben, dann klettert man an steilen Schuppen weiter. Eine super Länge im oberen 4. Grad!
Und weiter gehts, super schöne Risse, für uns als Kalkkletterer aber nicht ganz so zugänglich.
Auch hier gilt: Es ist länger als gedacht! Der Piola-Führer schreibt, es geht in Rissen rechts des Grates hoch. Das stimmt auch, es sind aber wirklich 'einige Seillängen' und nicht nur 'einige Meter'! Hier haben wir eine Schulter erreicht, von wo man einen super Blick auf die Aiguille du Roc hat.
Thomas klettert die nachfolgende Seillänge, die wiederum rissiges 4er Gelände bietet. Oben in der Mitte erkennt man bereits deutlich den Gipfel!
Jetzt folgt die zweite wichtige Abzweigung, die man nicht verpassen sollte: Ein anfänglich kleines und wenig auffälliges Band führt nach links. Diesem folgt man etwa 50 Meter, bis leichteres Gelände das hochsteigen erlaubt. Die letzten Morgennebel haben sich längst verzogen, am Panorama kann man sich kaum sattsehen!
Von hier aus sind es 'nur' noch drei Seillängen bis auf den Gipfel, doch die haben es in sich. Thomas gibt sich zuerst eine Verschneidung, welche mit 4c bewertet ist. 
Er macht Stand an zwei Haken. Ich folge nach und gebe mir den nächsten Riss, im Eberlein-Führer noch als '4er' bezeichnet, im Piola-Führer immerhin mit 5c/6a bewertet. Letzteres ist sicher passender. In Tatsache sind es drei Risse, ein erster kann mit beherztem Hochziehen an Chickenheads noch leicht bewältigt werden. Der zweite hingegen erfordert kräftiges Piazen, dann delikat um die Kante herumgreifen und an einer kleinen Leiste hochziehen. Hätte man nicht bereits 800 steile Meter in den Armen, sicher nicht so eine Sache. Immerhin hat man hier eine Schlinge, um einen Holzkeil! gewickelt, direkt vor der Nase. Jetzt erreicht man die Breche Balfour, wo wir die Rucksäcke deponieren und uns an den Höhepunkt wagen, den berühmten Knubel-Riss. Er gilt als 'erster 5er' an den Aiguilles de Chamonix, geklettert 1911 von J. Knubel und Kollegen. Was für ein tolles Gefühl, in so traditionsreichem Gelände zu klettern!
Die Seillänge führt zuerst einige Meter in einem schattigen Riss hoch bis zu einem Klemmblock, an dem eine Schlinge befestigt ist. Hier muss man sich etwas delikat auf die Kante links bewegen, dann vorsichtig an kleinen Rissen hochklettern. Eigentlich mehr psycho als schwierig. Aber ausgesetzt ist es, 900 Meter Luft unter den Sohlen! Endlich, nach 9 Stunden Kletterzeit erreiche ich um 13 Uhr das Gipfelplateau. Thomas steigt nach:
Das Panorama ist unglaublich, das Ambiente gewaltig. Auf dem Gipfel steht eine Madonna-Statue, um deren Sockel sich ein guter Abseilstand einrichten lässt. Wir seilen zu den Rucksäcken ab und beginnen mit dem Abstieg. Dieser vollzieht sich über den Südwestgrat. Man seilt zuerst etwa 30 Meter ab und quert dann auf Bändern auf den Grat. Es folgt eine tricky Abseilerei über einen grossen Block, den man im Reitersitz abseilend herunterschrubben muss, um so einen Pendler zu vermeiden.
Danach folgt ein leichter, wunderschöner Grat, den man gut parallel gehend absteigen kann. 
Bald erreichen wir den Firn und den Gletscher. An einer Stelle muss man direkt unter den Seracs durchtraversieren, hier geben wir etwas Gas. Ist aber zum Glück alles ruhig. Im Bild rechts oben das Serac-Band, links mittig der Grépon.
Man erreicht den Rognon. Hier lohnt es sich die Steigeisen nochmals abzuziehen, denn man muss doch nochmals im 3. Grad abklettern. Man hat es langsam gesehen! 
Endlich, um 18 Uhr, erreichen wir das Refuge Plan d'Aiguille, wo wir uns ein wohlverdientes 'Mont-Blanc Bier' gönnen! 


Thomas hat mit seiner neuen Helmkamera (ein mega-Gadget!) ein schönes Video gedreht:
http://www.youtube.com/watch?v=Oy1etIJGkB4



Facts:
Grépon, "Grépon Mer de Glace", S, 5c, 950m.
Sehr, sehr lange, wenn auch nicht sehr schwierige Klettertour in durchgehend bestem Granit. Zu- und Abstieg eingerechnet durchaus Hochtourencharakter, der volle Gletscherausrüstung erfordert. Es steckt recht viel Material aus verschiedenen Jahrzehnten, deshalb kann die Absicherung durchaus als 'gut' bezeichnet werden.
Material: Genug Schlingen, Klemmkeile, Friends, Gletscherausrüstung (Leichtpickel reicht).


Am Mittwoch geben wir uns noch den Pilier Rouge am Blaitière, wir klettern die "Napo-Léon" 5c+, eine Piola-Tour. Schöne, steile Risskletterei. Allerdings spüre ich die gestrige Anstrengung, die Psyche will irgendwie nicht mehr. Vor allem die 5c+-Länge, bei welcher der Schlüsselzug an einer runden Piaz-Schuppe mit einem Mikro-Keil gesichert ist, bereitet mir ordentlich Mühe. 
Etwas beschämt beobachten wir eine Gruppe italienischer Führer-Aspiranten, die in irrsinnigem Tempo die schwierigen Risstouren am Pilier abspulen. Da gibt es durchaus noch Verbesserungspotential auf meiner Seite!


Facts:
Pilier Rouge de Blaitière, "Nabo-Léon" 5c+, 6 SL.
Schöne, steile Risskletterei, teilweise mit Bh abgesichert, die schwierigen Stellen müssen aber alle selbst abgesichert werden. Oftmals muss aus der Kletterstellung abgesichert werden, was einige Erfahrung in der Handhabung mobiler Klemmgeräte erfordert.

Montag, 27. Juni 2011

Contamine-Grisolle am Tacul

Der Mont Blanc du Tacul ist eigentlich vor allem bekannt als Zwischenstation auf dem Weg zum Mont Blanc. Ich war zwar schon etliche Male an diesem Berg, jedoch noch nie auf dem Gipfel. An diesem Wochenende ergibt sich endlich die Gelegenheit dazu. Wir wählen die Contamine-Grisolle, vom Charakter her eine ordentliche Nordwand, ohne jedoch wirklich ernsthaft und anhaltend zu sein. Die Tour lässt sich mit der Seilbahn gut in einem Tag machen, als Unterkunft wählen wir das gemütliche und absolut empfehlenswerte Refuge Plan d'Aiguille.
Von der Hütte aus geniesst man einen super Blick auf die Aiguille du Midi Nordwand, auf die Aiguilles von Chamonix, und natürlich auf die Drus.
Am nächsten Morgen fahren wir mit der ersten Bahn um 7:20 hoch auf die Aiguille du Midi, und wandern gemütlich an den Einstieg. Sie führt über den linken der beiden markanten Pfeiler des Triangles. Direkt von vorne gesehen sieht die geplante Route schon noch imposant aus, auch wenn die Steilheit etwas täuscht.
Eine erste Seillänge führt gerade mal ordentlich steil (etwa 55°) bis an den Fels. Man kann auch weiter links einsteigen und kommt so mit maximal 45° durch.
Jetzt folgt ein etwa 45° steiler Schneehang, morgens um 9 Uhr natürlich schon etwas aufgeweicht, der auf beiden Seiten von herrlichen, roten Felsen begrenzt ist. Im Fels lassen sich problemlos Zwischensicherungen legen, ab und zu hats auch eine fix vorhandene Reepschnur.
Nach etwa 100 Meter macht Corina Stand, wir erreichen die erste Schlüsselstelle: Der Schneehang verengt sich zu einer kurzen (etwa 3m), aber recht steilen, eisgefüllten Verschneidung, die mit ein paar beherzten Pickelschlägen gemeistert wird (etwa Wi2). Wir erreichen einen perfekten Stand auf einer kleinen Plattform.
Jetzt folgt die Schlüssel-Seillänge: Eine 50m lange Mixedkletterei, nie wirklich hart, aber doch mit einigen kniffligen Einzelstellen, die sich gut und gerne zwischen M2 und M3 bewegen. Teilweise muss man ins Eis hacken, teilweise vorsichtig im Fels hooken. Corina legt einen tollen Vorstieg hin, Chapeau!
Jetzt folgt der deutliche einfachere kombinierte Schneegrat und das nachfolgende Schneefeld. In wenigen Minuten erreicht man in paralleler Kletterei den Stand unter dem Ausstiegs-Gully. Dieser wartet nochmals mit etwas steilerem Eis auf, etwa 60°, aber gut gestuft. Hier der Autor im Vorstieg.
Nach knappen drei Stunden erreichen wir den Ausstieg des Triangles. Aber die Tour ist noch nicht fertig! Über einen leichten Fels-/Firngrat gelangt man ans oberste Ende des Triangles.
Von hier führt ein meist leichter Firngrat über ein paar Aufschwünge bis auf die Schulter unterhalb des Gipfels, im Bild erkennbar als der Fels unmittelbar rechts der oberen grossen Wächte.
Der felsige Gipfelkopf erfordert nochmals eine kurze, leichte Kraxelei über Felsen und steilen Schnee. 
Bald erreichen wir den Gipfel, die meisten Normalweggeher sind schon wieder auf dem Rückweg, wir sind fast alleine. Eine herrliche Aus- und Rundsicht zur Grandes Jorasses und in die wilde Brenva-Flanke des Mont Blancs. Gleich gegenüber der vor einem Jahr begangene Kuffner-Grat, der übrigens auch eine Spur aufweist.
Der Abstieg über den Normalweg ist gut gespurt und problemlos begehbar. Allerdings sind die Seracs eindrücklicher als auch schon. Nach dem zähen Gegenaufstieg zur Aiguille du Midi, und der anderthalbstündigen Warterei dann das verdiente Bier!


Ach ja, noch eine kurze Bemerkung zu den allgemeinen Verhältnissen:
Frendo wird zur Zeit oft gemacht und scheint sehr gut zu sein, dito für alle Touren am Triangle du Tacul. Spur am Kuffner gesichtet. Felstouren an den Aiguilles de Chamonix ebenfalls gut und begangen (Charmoz-Grepon, Aig. Peigne etc.). Die Goulottes sind wegen der Hitze nicht mehr zu empfehlen (auch wenn es wohl noch genug Eis hätte).



Facts:
Mont Blanc du Tacul, Contamine-Grisolle, ZS, 60°, M2.
Material: Ein paar Eisschrauben (auch Kurze), Schlingen, evtl. ein kleines Set Friends und Klemmkeile. Zwei Eisgeräte empfehlenswert.
Eine absolut lohnende Tour in typischem Chamonix-Ambiente. Die Kletterei ist teilweise knifflig, aber nie anhaltend.